Plakatserie zu Tschernobyl

Das Verbändenetzwerk „Tschernobyl + 20“ hat 10 DIN A2-Plakate entwickelt, die die wichtigsten Argumente gegen Atomenergie präsentieren und besonders für den Schulunterricht und Ähnliches geeignet sind.

Hier können Sie die Plakate anschauen oder herunterladen (pdf-Datei, 1,3 MB)
Sie können die Plakate auch bestellen. Eine Plakatserie kostet inklusive Versand 20 EUR. Bitte genaue Adresse angeben. Die Lieferung folgt mit Rechnung.

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Kurzfilm über die Katastrophe

„zeitfilm Hamburg“ hat einen 12-minütigen Film über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl produziert, der Interviews und Originalbilder zeigt.

Der Film ist erhältlich bei:
zeitfilm Hamburg, Tel. 040/ 41 46 99-40, eMail: mail(at)zeitfilm.de 

Keine Entwarnung für Westeuropa

Thomas Dersee, Berlin

20 Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl ist auch für Westeuropa noch kein Ende der Nachwirkungen abzusehen

Für 379 landwirtschaftliche Betriebe in Großbritannien, die insgesamt eine Fläche von 74.000 Hektar bewirtschaften und 200.000 Schafe halten, gelten weiterhin restriktive Maßnahmen. Grund ist die anhaltende radioaktive Verseuchung nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Das teilte die in Großbritannien für Lebensmittelsicherheit zuständige Behörde Food Standards Agency der EU-Kommission mit (Erklärung P-1234/05DE der EU-Kommission vom 21.04.2005).

Im Juni 1986 hatten die britischen Behörden Einschränkungen für den Transport, den Verkauf sowie das Schlachten der Schafe in denjenigen Regionen Englands, Wales, Schottlands und Nordirlands angeordnet, die von den Auswirkungen des Tschernobyl-Unfalls am stärksten beeinträchtigt waren. Heute gelten sie weiterhin für zahlreiche Viehzuchtbetriebe, insbesondere im Norden von Wales. Dass es notwendig ist, in Großbritannien solche Maßnahmen zu verhängen, liegt insbesondere an der Tatsache, dass zahlreiche Weideflächen in mittlerer Höhenlage aus naturnahem Grasland bestehen, erklärt die EU-Kommission. Dort befänden sich Pflanzen, die das radioaktive Cäsium aufnehmen, anreichern und verwerten. Die Böden förderten zudem die Mobilität und die Pflanzenverfügbarkeit des radioaktiven Cäsiums. Dasselbe Phänomen werde in geringerem Umfang auch bei Überwachungsprogrammen für Schafe beobachtet, die die zuständigen Behörden der Republik Irland durchgeführt haben. Ähnliche Situationen bestünden auch in bestimmten Regionen anderer Mitgliedstaaten - so in Schweden und Finnland - für die Rentiere in natürlicher und naturnaher Umgebung.

Auch das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt speziell für den Verzehr von Wildbret keine Entwarnung. „Bei Wildschweinen steigt die radioaktive Belastung seit 1996 sogar wieder an“, sagte BfS-Sprecher Florian Emrich am 24. August 2005 in Salzgitter. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hatte eine Studie in Auftrag gegeben, bei der die radioaktive Belastung von Wildbret, Pflanzen und Böden des Bayerischen Waldes gemessen wurden. Der gemessene Mittelwert der radioaktiven Verseuchung von Wildschweinfleisch betrug dort im Jahr 2004 demnach 6.700 Becquerel Radiocäsium pro Kilogramm (Bq/kg). „Damit liegt die durchschnittliche Belastung von Wildschweinen um ein Vielfaches über dem Grenzwert zur Nahrungsmittelvermarktung von 600 Bq/kg Radiocäsium“, erklärte Florian Emrich.

Erstmals identifizierten die Forscher dabei die genaue Ursache für die hohe Belastung der Schwarzkittel. Im Gegensatz zu Rehen oder Rothirschen verzehren sie eine spezielle Pilzart, die sogenannten Hirschtrüffeln. Diese machten zwar nur sechs Prozent der Nahrungsaufnahme von Wildschweinen aus, trügen aber zu mehr als 80 Prozent zu der radioaktiven Belastung bei. Beim Vergleich unterschiedlicher Futterkomponenten übertrafen die Hirschtrüffeln mit einem Durchschnittswert von 24.700 Bq/kg Radiocäsium zudem alle anderen Nahrungsbestandteile um ein Vielfaches. Ursache der hohen Belastung: Die unterirdisch wachsenden Hirschtrüffeln nähmen das nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl vor allem über Süddeutschland niedergegangene und nur langsam in tiefere Bodenschichten wandernde radioaktive Cäsium besonders gut auf. „Deshalb ist auch in den kommenden zwei Jahrzehnten nicht mit einem nennenswerten Rückgang bei der Kontamination von Wildschweinfleisch zu rechnen“, warnte Florian Emrich.

Deutlich niedriger belastet sind dagegen Rehe und Rothirsche, heißt es. Jedoch sei erst in einem Jahrzehnt damit zu rechnen, dass auch bei Rehen die Grenzwerte ganzjährig unterschritten werden. Jeweils im Herbst liegen die gemessenen Mittelwerte bisher noch deutlich darüber. Das Bundesamt für Strahlenschutz rät grundsätzlich, jede Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten. Wer für sich persönlich oder für seine Kinder und Enkelkinder die Strahlenbelastung so gering wie möglich halten will, solle deshalb auf den Verzehr von vergleichsweise hoch belasteten Pilzen und Wildbret verzichten.

Aufgrund der seit dem Tschernobyl-Unfall gewonnenen Erfahrungen ist die EU-Kommission zudem der erklärten Ansicht, dass in den kommenden Jahrzehnten mit keinen nennenswerten Veränderungen bei der Verseuchung (Kontamination) bestimmter Produkte aus natürlichen und naturnahen Umgebungen mit radioaktivem Cäsium zu rechnen ist. Bei diesen Produkten hänge die Verseuchung mit radioaktivem Cäsium in erster Linie von der Halbwertzeit dieses Radionuklids ab, die rund 30 Jahre beträgt. Die Beschränkungen für gewisse Nahrungsmittel aus bestimmten Mitgliedstaaten müssten daher noch über viele Jahre weiterbestehen.

Im Rahmen einer Umfrage bei den EU-Mitgliedstaaten im Jahre 2002 wurde der Kommission bestätigt, dass zum Beispiel in Wildbret (Wildschwein, Reh), in Wildpilzen und wildwachsenden Beeren sowie in fleischfressendem Fisch aus Seen in bestimmten Regionen in Deutschland, Österreich, Italien, Schweden, Finnland, Litauen und Polen Werte einer Belastung mit Cäsium-137 in Höhe von zuweilen mehreren Tausend Becquerel pro Kilogramm erreicht werden können.

Beim nächsten großen Atomunfall gelten automatisch höhere Grenzwerte

Die Erklärungen von EU-Kommission und Bundesamt für Strahlenschutz klingen positiv aufgeschlossen für das Problem. Sie täuschen jedoch über die Verhältnisse hinweg, die mit den bürokratisch und ohne parlamentarische Kontrolle festgelegten Grenzwertregelungen verbunden sind. Die EG-Grenzwertregelung für Nahrungsmittel wurde zuletzt im Jahr 2000 bis zum 31. März 2010 verlängert. Die Strahlengrenzwerte für Trockenprodukte wurden dabei erhöht. Für sie gelten die Grenzwerte nun erst in der verzehrfertig verdünnten Zubereitung (EG-Verordnung Nr. 616/2000 des Rates vom 20. März 2000). Das sind 370 Becquerel Cäsium-Gesamtaktivität (Cäsium-137 plus Cäsium-134) pro Kilogramm für Milch, Milcherzeugnisse und Kleinkindernahrung sowie 600 Becquerel pro Kilogramm für alle anderen Nahrungsmittel. Solch hohe Belastungswerte haben nichts mit gesundheitlicher Fürsorge zu tun, sondern sollen lediglich die Handelswege nicht all zu sehr stören. Deshalb wird diese Grenzwertregelung zudem im Falle eines neuen großen Atomunfalls automatisch und in der Wirtschaftslogik konsequent, von der EG-Verordnung 3954/87 vom 22.12.1987 abgelöst. Damit gelten dann noch weiter erhöhte Grenzwerte: 1.250 Becquerel Cäsium pro Kilogramm Nahrungsmittel bzw. 1.000 Becquerel pro Kilogramm für Milch und Milchprodukte und zusätzlich noch 125 Becquerel Strontium-90, 500 Becquerel Jod-131 und 20 Becquerel Plutonium- und Transplutoniumelemente in einem Liter Milch. In einem Kilogramm Milchpulver (Trockenmasse) darf es das jeweils Achtfache dieser Mengen sein. In anderen Nahrungsmitteln dürfen es pro Kilogramm sogar 750 Becquerel Strontium-90, 2.000 Becquerel Jod-131 und 80 Becquerel Plutonium und Transplutoniumelemente (Plutonium-239, Americium-241) sein. Das ist das, was uns bei einem nächsten Atomunfall nach Meinung der Ministerial- und EU-Bürokraten real erwartet.

Unabhängige Experten rieten dagegen auf der Grundlage der Bestimmungen der Strahlenschutzverordnung von 1976 zu Nahrung mit höchstens 30 bis 50 Becquerel pro Kilogramm Cäsium-Gesamtaktivität für Erwachsene und mit höchstens 10 bis 20 Becquerel pro Kilogramm für Kinder, stillende und schwangere Frauen. Dabei wurde von einem Anteil von 1 Prozent Strontium-90 bezogen auf den Aktivitätsgehalt an Cäsium-137 in Nahrungsmitteln ausgegangen. Der tatsächliche Strontiumanteil in der Nahrung liegt jedoch höher, wie Untersuchungsergebnisse zeigen. Deshalb und wegen Unsicherheiten bei den Bewertungsgrundlagen wird jetzt meist nur noch bis zu 5 Becquerel pro Kilogramm Cäsium-Gesamtaktivität als Höchstwert für Kindernahrung empfohlen. Generell gilt, dass es keine Grenze gibt, unterhalb der Radioaktivität noch ungefährlich wäre. Deshalb gilt das Minimierungsgebot: Es ist so wenig wie möglich Radioaktivität aufzunehmen.

Nach Tschernobyl mehr Fehlbildungen und Totgeburten auch in Deutschland

Entgegen früheren Beteuerungen von Strahlenschutzkommission und Bundesregierung erwiesen sich schwerwiegende gesundheitliche Folgen aus der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in höher belasteten Regionen Deutschlands als durchaus statistisch erfassbar. Der erste, der bereits 1987 auf Gesundheitsschäden hinwies, war Karl Sperling, damals Leiter des Instituts für Humangenetik der Freien Universität Berlin. Sperling erregte seinerzeit international großes Aufsehen und wurde dafür von der Strahlenschutzkommission und von Politikern scharf angegriffen. Inzwischen wurden seine Aussagen mehrfach in Re-Analysen bestätigt: Exakt 9 Monate nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurden in Berlin überzufällig viele Kinder mit der chromosomalen Veränderung Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt, geboren, für die als Ursache nur der Unfall von Tschernobyl angegeben werden kann. Das ist das Ergebnis einer ausführlichen Datenanalyse, die Sperling schließlich auch in der Fachzeitschrift British Medical Journal vom 16. Juli 1994 veröffentlichte.

Nach dem Tschernobyl-Unfall erkrankten auch mehr Säuglinge in Deutschland an Blutkrebs. Nach der Katastrophe 1986 in dem ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl sind in den Ländern der alten Bundesrepublik anderthalb mal so viele Kinder im ersten Lebensjahr an Leukämie erkrankt wie im Durchschnitt der 80er Jahre. Das berichteten im Mai 1997 Jörg Michaelis und Uwe Kaletsch vom Deutschen Kinderkrebsregister am Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation der Universität Mainz gemeinsam mit Werner Burkart und Bernd Grosche vom Institut für Strahlenhygiene des Bundesamtes für Strahlenschutz in der Zeitschrift Nature (Vol.387 1997, p.246).

Der Münchner Physiker und Epidemiologe Alfred Körblein untersuchte Daten zur Neugeborenensterblichkeit (Perinatalsterblichkeit), der Geburtenrate und der Fehlbildungen in Bayern, die von amtlichen Stellen ermittelt worden waren und fand einen signifikanten Anstieg der Sterblichkeit von Neugeborenen in praktisch allen Datensätzen für das Jahr 1987 und teilweise auch noch für das Jahr 1988. Eine Neuauswertung der Daten von angeborenen Fehlbildungen bei Neugeborenen in Bayern durch Körblein ergab einen deutlich signifikanten Zusammenhang der Fehlbildungsraten vor und nach Tschernobyl mit der Cäsiumbelastung der Landkreise. Allerdings ist dieser Zusammenhang nicht linear. Bei niedrigen Belastungen zeigt sich ein steiler Anstieg, gefolgt von einem Rückgang und einem erneuten Anstieg mit zunehmender Cäsiumbelastung. Die Erhöhung der Fehlbildungsrate pro Dosiseinheit ist bei sehr niedriger Strahlendosis circa fünfmal größer als bei hoher Dosis. Die bayerischen Fehlbildungsdaten könnten eine Schlüsselrolle für das Verständnis der Wirkung kleiner Strahlendosen spielen.

Hagen Scherb und Eveline Weigelt, beide aus dem GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg, untersuchten die Zunahme der Perinatalsterblichkeit, Totgeburten und Fehlbildungen in Deutschland, Europa und in hochbelasteten deutschen und europäischen Regionen nach Tschernobyl. Innerhalb der GSF sieht man diese Arbeiten nicht gerne. Scherb und Weigelt haben sich gegen die Weisung, ihre Analysen der perinatalen Säuglingssterblichkeit und Fehlbildungen nach Tschernobyl einzustellen, zur Wehr gesetzt. Mit einem anderen mathematisch-statistischen Ansatz als Körblein konnten sie in zahlreichen Datensätzen zu Perinatalsterblichkeit und Totgeburten in Deutschland und Europa sowie in niedrig und hoch belasteten Ländern und Regionen signifikante Trendänderungen in zeitlichem Zusammenhang mit der Tschernobyl-Katastrophe aufzeigen.

Ein zweiter Schwerpunkt der Arbeit von Scherb und Weigelt beinhaltet die Analyse von Fehlbildungsdaten, die in Bayern im Auftrag des dortigen Umweltministeriums erhoben wurden. Sie lassen die Abschätzung zu, dass es in Bayern nach Tschernobyl zu 1.000 bis 3.000 zusätzlichen Fehlbildungen zwischen Oktober 1986 und Dezember 1991 gekommen ist. Die Analyse der Totgeburten führt zu ebenso erschreckenden Ergebnissen: In Bayern, den neuen Bundesländern, West-Berlin, Dänemark, Island, Lettland, Norwegen, Polen, Schweden und Ungarn gibt es nach ihrer Analyse zwischen 1986 und 1992 einen Totgeburtenüberschuss von etwa 3.200 Fällen. Die Autoren weisen zu Recht darauf hin, dass erstaunlicherweise in den einzelnen Ländern darüber nicht schon Ende der 1980er Jahre berichtet wurde, als dieser Effekt schon deutlich zu erkennen war, zumal die zugrundeliegenden Daten frei zugänglich waren. Das Gewicht dieser Analysen ist hoch, weil die Trendänderungen in so vielen verschiedenen Ländern, in denen ganz unterschiedliche Institutionen die relevanten Daten gesammelt haben, zum selben Zeitpunkt und im selben Sinne erfolgen und sogar die Dosis-Wirkungs-Beziehungen angegeben werden können.

Thomas Dersee, Diplom-Ingenieur, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur des Spezialinformationsdienstes Strahlentelex mit Elektrosmog-Report. Kontakt: www.strahlentelex.de, thomasdersee(at)strahlentelex.de

 

Die Studien von Körblein, Scherb und Weigelt erschienen im März 2003 in der Monographienreihe „Otto-Hug-Berichte“ der Gesellschaft für Strahlenschutz (Otto-Hug-Bericht Nr. 24, ISSN 0941-0791).