Beispiel 1 - Super-Gau Tschernobyl 1986

Tschernobyl in der Ukraine im April 1986 war ein solcher Super-Gau. Nach einem missglückten Experiment brach ein Brand in dem Reaktor aus, was schließlich zum Einsturz des Gebäudedachs führte. Auf diesem Weg konnte die radioaktive Strahlung ungehindert in die Umwelt gelangen. Riesige Regionen in der Umgebung mussten zum Sperrgebiet erklärt werden, viele zigtausend Menschen wurden umgesiedelt und noch bis heute ist die Umgebung von Tschernobyl als Todeszone gesperrt. Krebserkrankungen, vor allem bei Kindern, sind seit dem deutlich angestiegen. Bis weit nach Westeuropa sind die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl zu spüren. In den ersten Wochen nach der Katastrophe waren Lebensmittel vor allem durch das kurzlebige Cäsium verstrahlt: Milch, frische Gemüse und andere Produkte mussten teilweise vernichtet werden. Noch heute sind die Strahlenwerte von z.B. Pilzen oder Wildtieren deutlich erhöht.

Dabei hatten wir bei der Katastrophe von Tschernobyl noch Glück: Denn nur ein geringer Teil des gesamten radioaktiven Inventars im Reaktordruckbehälter wurde tatsächlich freigesetzt. Und aufgrund der hohen Temperaturen des Feuers wurde die Radioaktivität sehr hoch in die Atmosphäre transportiert und hat sich auf diese Weise sehr stark verteilt. Wäre das Feuer weniger heiß gewesen und hätte es in dieser Phase geregnet, wären die Folgen für zigtausende Menschen in der näheren Umgebung vermutlich eher tödlich verlaufen. Denn der Regen hätte die radioaktiven Teilchen ausgewaschen und dafür gesorgt, dass diese in viel höherem Maße in der Region herunter gekommen wären.

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Beispiel 2 - Harrisburg 1978 - Glück im Unglück

Doch nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion passierten schwerste atomare Unfälle: Im Jahre 1978 kam es im us-amerikanischen Harrisburg zu einem schweren Störfall. Aufgrund des Zusammenspiels von menschlichen Fehlern und technischem Versagen wurde der radioaktive Kern des Atommeilers Three Mile Island freigelegt. Durch die fehlende Kühlung überhitzte sich der Reaktor und wurde so heiß, dass die Brennelemente teilweise schmolzen. Völlig unkontrollierbar sammelte sich der Kernbrennstoff im Reaktorsumpf. Wäre es der Reaktormannschaft nicht gelungen, dem Reaktor wieder Wasser zuzuführen, hätte sich hier eine kritische Masse bilden können: Wäre genügend spaltbares Material im Reaktorsumpf zusammen gekommen, hätte eine eigenständige und unkontrollierbare Kettenreaktion entstehen können. Die Folge wäre eine Explosion gewesen, die den Reaktordruckbehälter gesprengt hätte. Der Super-Gau also. Doch die einsetzende Kühlung verhindert das glücklicherweise. Stattdessen aber bildet sich nun - für die Reaktormannschaft und die hinzugezogenen Fachleute völlig überraschend - innerhalb des Druckbehälters Wasserstoff in großer Menge. Kommt dieser Wasserstoff mit Sauerstoff in Verbindung, dann entsteht Knallgas, das ebenfalls hoch explosiv ist und in der Lage gewesen wäre, den Druckbehälter zu sprengen. Nur durch das Öffnen von Ventilen, die den wachsenden Druck im Behälter reduzieren und Radioaktivität in die Umgebung ableiten, gelingt es, die Wasserstoffbildung zu stoppen. Drei Tage dauerte dieser katastrophale Störfall, in dem es jederzeit zu einer völligen Freisetzung der gesamten Radioaktivität hätte kommen können. Noch heute ist der Block 2 eine hochradioaktive Ruine, die vor sich hinstrahlt.

 

Beispiel 3 - Windscale / Sellafield - Reaktor in Flammen

Am 7.-10. Oktober 1957 - Bei Wartungsarbeiten in dem auch zur Atomwaffenproduktion (Plutonium) genutzten Atommeiler im britischen Windscale - heute als Sellafield bekannt - gerät der Reaktor in Brand. 10 Tonnen Uran und 2.000 Tonnen Graphit stehen in Flammen, eine radioaktive Wolke steigt aus den Abluftkaminen und verbreitet sich über Teile Nordeuropas. Alle Versuche der Betreiber, den Brand unter Kontrolle zu bekommen, scheitern. Schließlich riskiert die Betreibermannschaft alles auf eine Karte zu setzen, in dem sie es mit Wasser als Löschmittel probiert. Völlig unklar ist in diesem Moment, ob das funktionieren kann oder ob dadurch nicht Wasserstoff erzeugt wird, der möglicherweise in Kontakt mit Sauerstoff explodiert. Aber die Rettungsleute haben Glück, das Feuer kann im letzten Moment gelöscht werden.

Von all dem erfährt die Öffentlichkeit nichts. Die britische Regierung vertuscht den Störfall und dessen Ausmaß über 30 Jahre lang. Der Plutonium-Reaktor wird abgeschaltet, noch heute ist die strahlende Ruine nicht abgebaut.

 

Beispiel 4 - Biblis - Forsmark - Brunsbüttel

Biblis: Ahnungslos auf dem Weg zum Super-Gau

Am 16.-17. Dezember 1987 schrammte das AKW Biblis-A bei einem Kühlmittelverlust-Störfall nur knapp an einem Super-GAU vorbei - einer der schwersten Störfälle in der Geschichte der Atomkraft in Deutschland. Ein Ventil, das das unter hohem Druck stehende radioaktive Kühlwasser des Primärkreislaufes vom Notkühlsystem trennt, versagte beim Anfahren des Reaktors und schloss nicht, was von der Betriebsmannschaft aber über 16 Stunden lang nicht bemerkt wurde. Eine leuchtende Warnlampe auf der Leitwarte wurde von zwei aufeinander folgenden Schichten die ganze Zeit entweder übersehen oder für einen Defekt der Anzeige gehalten. Erst die dritte Schicht bemerkte den Fehler.

Statt den Reaktor sofort herunterzufahren, versucht die Betriebsmannschaft mit einem Trick, das Ventil zu schließen. Ein Kontrollventil, dass den Primärkreislauf von einer Messleitung trennt, die für den hohen Druck nicht ausgelegt ist, wird absichtlich geöffnet, um das defekte Ventil "durchzuspülen", was aber misslang. In der Folge strömten 107 Liter radioaktives Kühlwasser aus, gelangten über die Messleitung in den Ringraum außerhalb des Sicherheitsbehälters und von dort in die Atmosphäre. Nur durch Glück gelang es, das Kontrollventil gegen den hohen Druck wieder zu schließen. Wäre das nicht gelungen, hätte die Messleitung wegen des hohen Druckes platzen können, und ein Verlust großer Mengen Kühlmittel wäre unvermeidlich gewesen. Ein solcher Kühlmittelverlust kann zu einer Kernschmelze und damit zum Super-GAU führen.

Skandalös an diesem schweren Störfall war auch, dass der Betreiber RWE die Öffentlichkeit nicht unterrichtete. Erst ein Jahr später, im Dezember 1988 wurde dieser Vorfall durch eine us-amerikanische Zeitung bekannt.

Forsmark - Schweden - Störfall Juli 2006

Am 25. Juli 2006 führte ein Kurzschluss außerhalb des Kraftwerkes zur Trennung des Reaktors vom Stromnetz und zur automatischen Schnellabschaltung. Um die Nachwärme des abgeschalteten Reaktors abzuführen, hätte automatisch das Notkühlsystem anlaufen müssen. Aber Teile der Notstromversorgung für das Notkühlsystem versagten, lediglich zwei von vier Dieselgeneratoren sprangen an. Weil durch die Stromunterbrechung auch ein Teil des Steuerungssystems ausgefallen war, hatte die Betriebsmannschaft mehr als zwanzig Minuten lang keinen vollständigen Überblick über den tatsächlichen Zustand des Reaktors. Erst danach gelang es, die beiden nicht automatisch angelaufenen Notstromgeneratoren per Hand zu starten. Nach Einschätzung von Lars-Olov Höglund, einem ehemaligen Konstruktionsleiter der Anlage, habe das Kraftwerk kurz vor einem GAU durch Kernschmelze gestanden.

Brunsbüttel 2001: Wasserstoff-Explosion im Reaktor

Den vorläufigen Höhepunkt seiner Störfallserie erreichte das AKW Brunsbüttel am 14. Dezember 2001 mit dem wohl schwersten Störfall, der sich in den letzten 20 Jahren in einem deutschen Atomkraftwerk ereignete. Eine Knallgasexplosion zerfetzte ein 10 cm dickes Stahlrohr in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters. Bruchstücke des Rohres flogen wie Geschosse umher und richteten auch in der Umgebung Schäden an. Glücklicherweise wurden keine sicherheitsrelevanten Einrichtungen getroffen. Nur ein einfaches Rückschlagventil, das bei der Explosion zudem beschädigt wurde, verhinderte das Ausströmen des unter hohem Druck stehenden radioaktiven Dampfes. Das Ausströmen hätte den Verlust von Kühlmittel bedeutet, was zu einer Kernschmelze, also dem Super-GAU, führen kann. Ein "Tschernobyl in klein" - dieselbe Explosion zwei Meter weiter, und man hätte für nichts mehr garantieren können.

Der Betreiber legte im Umgang mit dem Störfall ein Besorgnis erregendes Sicherheitsverständnis an den Tag. Obwohl Signale in der Leitwarte den Störfall anzeigten und sie auch die Erschütterung durch die Explosion registrierten, wurde eine vergleichsweise harmlose Leckage angenommen - ein Ventil abgesperrt - und der Reaktor weiter betrieben. Ein klarer Fall von "Profit vor Sicherheit". Erst zwei Monate später, als die Aufsichtsbehörde Bedenken hatte und auf eine Inspektion drängte, wurde entdeckt, was wirklich passiert war, und der Reaktor endlich abgeschaltet. Die Aufsichtsbehörde leitete daraufhin eine umfangreiche Untersuchung ein - wegen der offensichtlichen technischen Defizite und auch wegen Zweifeln an der Zuverlässigkeit des Betreibers und der Fachkunde der zuständigen Personen. Eigentlich Gründe genug, die Anlage endgültig stillzulegen - trotzdem wurden nur einige technische und organisatorische Änderungen vorgenommen, einige verantwortliche Personen entlassen und der Reaktor am 26.3.2003, nach 13 Monaten Stillstandszeit, wieder in Betrieb genommen.

Im Zuge der Untersuchungen wurde auch entdeckt, dass dies nicht die erste Explosion im Reaktor war: Irgendwann vor 1992 war es in der gleichen Leitung, in dem Bereich, der nicht durch das Rückschlagventil abgesperrt ist, unbemerkt schon einmal zu einer etwas kleineren Knallgasexplosion (im Jargon der Betreiber harmlos klingend "Radiolysegasreaktion") gekommen, die das Rohr jedoch glücklicherweise "nur" verformt hatte.