Plakatserie zu Tschernobyl

Das Verbändenetzwerk „Tschernobyl + 20“ hat 10 DIN A2-Plakate entwickelt, die die wichtigsten Argumente gegen Atomenergie präsentieren und besonders für den Schulunterricht und Ähnliches geeignet sind.

Hier können Sie die Plakate anschauen oder herunterladen (pdf-Datei, 1,3 MB)
Sie können die Plakate auch bestellen. Eine Plakatserie kostet inklusive Versand 20 EUR. Bitte genaue Adresse angeben. Die Lieferung folgt mit Rechnung.

Netzwerk Friedenskooperative
Tel.: 0228/692904, Fax: 0228/692906, Mail: friekoop(at)bonn.comlink.org

Kurzfilm über die Katastrophe

„zeitfilm Hamburg“ hat einen 12-minütigen Film über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl produziert, der Interviews und Originalbilder zeigt.

Der Film ist erhältlich bei:
zeitfilm Hamburg, Tel. 040/ 41 46 99-40, eMail: mail(at)zeitfilm.de 

20 Jahre nach Tschernobyl

Russische, weißrussische und ukrainische ForscherInnen finden immer mehr Krebs, Leukämien und Geisteskrankheiten bei der bestrahlten Bevölkerung

www.strahlentelex.de

Am 26. April des Jahres 1986 ereignete sich nahe der ukrainischen Stadt Tschernobyl die bisher größte Reaktorkatastrophe in der Geschichte der Atomenergie-Nutzung. Binnen weniger Tage zog eine radioaktive Wolke über die Ukraine, Weißrussland, Russland, Skandinavien und große Teile Europas.

Knapp 20 Jahr später - im September 2005 stellte die Weltgesundheitsorganisation auf der Tschernobyl-Konferenz der Internationalen-Atomenergie-Agentur IAEA in Wien ihre neueste Studie über die gesundheitlichen Auswirkungen der Reaktorkatastrophe vor. Demnach geht die IAEA von 4.000 Todesfällen infolge des Tschernobylunfalls aus, das beinhalte 50 Reaktorarbeiter, neun Kinder mit Tod durch Schilddrüsenkrebs und geschätzte 3.940 Tote infolge strahleninduzierter Krebserkrankungen und Leukämien.

Zahlreiche WissenschaftlerInnen und Hilfsorganisationen empörten sich über diese Aussagen und warfen der Weltgesundheitsorganisation vor, die Wahrheit über die Folgen der Reaktorkatastrophe bewusst zu verfälschen, um das angeschlagene Image der Atomlobby nicht weiter zu schwächen. Detaillierte Berichte – mit gänzlich anderen Ergebnissen als die der WHO - stellten russische, weißrussische und ukrainische Wissenschaftler am 12. November 2005 im Inselspital in Bern auf einer Tagung der schweizerischen Sektion der Vereinigung der „Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung / zur Verhütung des Atomkrieges“ (PSR/IPPNW) vor.

Die Tagung in Bern befasste sich mit den Wirkungen radioaktiver Strahlen auf 800.000 Aufräumarbeiter und Katastrophenhelfer. Die Führung der Sowjetunion bezeichnete sie als „Liquidatoren“, ein Ausdruck, der suggerieren soll, die Folgen des Tschernobyl-GAUs ließen sich aus der Welt schaffen. Dabei handelt es sich um damals meist jüngere Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren, die zum Militärdienst eingezogen und gezwungen wurden, an hoch radioaktiv verseuchten Orten um Tschernobyl Aufräum- und Entseuchungsarbeiten zu leisten. Die Hälfte von ihnen war Militärpersonal aus allen früheren Sowjetrepubliken, andere Techniker, Bau- und Bergarbeiter, Piloten, vor allem aber junge, gesunde Männer und zum Teil auch Frauen.

Den Berichten zufolge sind etwa 90 Prozent der Menschen, die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl nahe dem zerstörten Atomreaktor gearbeitet haben, heute krank. Die körperliche Verfassung von jungen Männern, die kurz nach dem Reaktorunglück im Jahre 1986 als Soldaten im Alter von 18 bis 25 Jahren Katastrophenhilfe leisteten, entspricht heute der von 50- bis 60-jährigen. Sie sind um 10 bis 15 Jahre schneller gealtert. Auf psychische Effekte oder gar eine „Strahlenphobie“ zurückführen lässt sich das nicht. Denn auch in Tierversuchen zeigen sich nach einer Bestrahlung mit niedrigen Dosen - wie beim Menschen - für den Alterungsprozess charakteristische Verschiebungen biophysikalischer und biochemischer Parameter.

Zahl der Krebserkrankungen um 20 Prozent erhöht

Die Erkrankungshäufigkeit an Krebs (Krebsinzidenz) hat den Berichten in Bern zufolge in den Staaten um den Atomreaktor Tschernobyl im Verlauf der letzten Jahre deutlich zugenommen. Professor A. E. Okeanov vom Clinical Institute of Radiation Medicine and Endocrinology Research in Minsk (Belarus) zufolge, ist es bei einer Gruppe von 120.000 Liquidatoren aus Weißrussland (Belarus) im Beobachtungszeitraum 1997 bis 2000 zu einer statistisch signifikanten Zunahme von Krebserkrankungen an Magen, Dickdarm, Enddarm, Lunge, Haut, Brust, Harnblase und Nieren gekommen.

Die Arbeit von Okeanov war bereits im Oktober 2004 in der Schweizerischen Medizinischen Wochenschrift (Swiss Medical Weekly) publiziert worden und ist seitdem öffentlich zugänglich. Sie wird jedoch im Bericht des sogenannten „Tschernobyl-Forums“ der Weltgesundheitsorganisation und der Internationaler Atomenergieagentur (IAEA) weder erwähnt noch berücksichtigt.

Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Der Russe V. Ivanov hatte bereits 2003 im angesehenen British Medical Journal eine Untersuchung über die Erkrankungshäufigkeit an Blutkrebs (Leukämie) bei den Liquidatoren veröffentlicht. Ivanov fand unter 70.000 russischen Liquidatoren eine signifikante, dosisabhängige Häufung von Non-CLL-Leukämien (CLL = Chronische Lymphatische Leukämie). Bei einer Strahlenbelastung von 150 bis 300 Milligray (mGy) beobachtete er eine Verdoppelung der Erkrankungen.

Der Arzt Claudio Knüsli von der schweizerischen IPPNW geht davon aus, dass bereits 12 Jahre nach der Reaktorkatastrophe jede 6. Krebserkrankung bei Liquidatoren in Weißrussland als strahlenbedingt angesehen werden muss. Davon ausgehend, dass Krebs für ein Viertel aller Todesfälle in der Bevölkerung verantwortlich ist, müsse bereits 12 Jahre nach der Explosion des Atomreaktors von weit mehr als 13.000 Toten durch Strahlenkrebs unter 800.000 Liquidatoren ausgegangen werden. Und wegen der im Gegensatz zu Leukämien langen Entstehungszeiten bei soliden Tumoren dürften bis Anfang 2006, 20 Jahre nach dem Unfall, noch weit mehr Liquidatoren als Ende der 1990er Jahre an strahlenverursachtem Krebs gestorben sein.

Auch bei der Bevölkerung in den Gebieten Weißrusslands, die am stärksten verstrahlt wurden, zum Beispiel im Bezirk Gomel mit mehr als 555.000 Becquerel pro Quadratmeter Bodenfläche (Bq/m²), ist innerhalb eines Zeitraums von 15 Jahren nach der Reaktorkatastrophe eine überproportionale Zunahme der Krebserkrankungen, nämlich plus 56 Prozent, im Vergleich zu weniger verstrahlten Regionen (plus 40 Prozent) beobachtet worden. Die dortige Erkrankungshäufigkeit (Inzidenz) ist bereits heute für Magen- und Darmkrebs um 35 Prozent und für die Lungenkarzinome um 64 Prozent höher als in weniger strahlenbelasteten Gegenden Weißrusslands.

Der weißrussische Wissenschaftler Okeanov wies jetzt in Bern ausdrücklich darauf hin, dass es generell weder genaue Zahlen über die Anzahl der Liquidatoren gebe – zum Teil werden bis zu eine Million genannt – noch zuverlässige Angaben über die Strahlenbelastungen, die diese erhalten haben. Das ist der Geheimhaltungspolitik der Regierungen geschuldet, die offenbar zu falschen und willkürlich erfundenen Dosisaufzeichnungen geführt hat.

Auch die Kinder der Liquidatoren haben gesundheitliche Probleme. Frau Professor Nika A. Gres von der Belorussischen Medical Academy of Post-Graduate Education in Minsk, untersuchte 58 Kinder im Alter von 10 und 11 Jahren, die 1987 geboren worden waren und deren Väter als Liquidatoren Strahlendosen erhalten hatten, die mit im Mittel 12,5 cSv (Centisievert = 1/100 Sv = rem) angegeben werden. Verglichen mit gleichaltrigen Kindern, die in der Stadt Minsk von Eltern stammen, die keine Katastrophenhelfer in Tschernobyl waren, konnten nur fünf Prozent von ihnen als gesund bezeichnet werden. In der Vergleichsgruppe war es immerhin ein Drittel.

Geistige Störungen und frühzeitige Alterung nach Tschernobyl

Trotz der Unstimmigkeiten über die Zahl der Todesfälle nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, gibt es eine Übereinstimmung darüber, dass die Wirkung der Strahlenbelastung auf die geistige Gesundheit der Bevölkerung das größte Problem darstellt. Die Expertengruppe Gesundheit des „Tschernobyl-Forums“ von WHO und IAEA hat Stresssymptome, Auswirkungen auf das sich entwickelnde Gehirn kleiner Kinder, organische Gehirnschäden bei hoch strahlenbelasteten Katastrophenhelfern und Selbstmorde als die vier Bereiche ihrer besonderen Aufmerksamkeit bezeichnet.

Dr. Konstantin N. Loganovsky vom Department of Radiation Psychoneurology der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der Ukraine in Kiew, wies in Bern unter anderem auf die hohe Rate an Schizophrenie-Kranken unter den japanischen Atombombenüberlebenden hin, nämlich sechs Prozent. Zweifellos hätten auch die Liquidatoren von Tschernobyl das größte Risiko, an neuropsychiatrischen Störungen zu erkranken.

Loganovsky berichtete über Untersuchungen zum Erkrankungsrisiko für Liquidatoren die statistisch signifikante Ergebnisse erbracht hätten. Demnach bestünde ein erhöhtes Risiko für geistige Störungen, für neurologische und Empfindungsstörungen und für hormonelle (endokrine) Störungen. Das größte Erkrankungsrisiko bestehe für Durchblutungsstörungen des Gehirns (cerebrovaskuläre Störungen).

Allerdings merkt Loganovsky an, wurden diese Ergebnisse nicht mit Hilfe ordentlich konzipierter psychiatrischer Studien und standardisierter diagnostischer Verfahren ermittelt, sondern lediglich die Angaben des staatlichen Gesundheitssystems über geistige Störungen ausgewertet. Die psychiatrischen Systeme in den Nachfolgeländern der Sowjetunion förderten jedoch eine dramatische Unterschätzung geistiger Störungen und eine Missdeutung als physische Erkrankungen sowie falsche Diagnosen innerhalb des Systems der geistigen Störungen (etwa neurotisch anstatt psychotisch oder organisch). So habe das Gesundheitsministerium der Ukraine das Vorkommen geistiger Störungen in der ukrainischen Bevölkerung im Jahre 1990 mit 2,27 Prozent angegeben, 1995 ebenfalls mit 2,27 Prozent und im Jahre 2000 mit 2,43 Prozent. Die World Mental Health (WMH) Survey Initiative der Weltgesundheitsorganisation habe jedoch mit Hilfe standardisierter Verfahren für die Ukraine 20,5 Prozent ermittelt – das staatliche Gesundheitssystem unterschätze offenbar geistige Störungen um ein Zehnfaches und mehr. Das WMH-System schließt sogenannte psychologische Störungen ein wie Angst, Depression, psychosomatische Störungen, Alkoholmissbrauch und vermeidet die Verwendung von Begriffen wie Psychose, organisch bedingte Geistesstörungen und geistige Unterentwicklung (Retardation).

Eine weitere Untersuchung im Rahmen der Französisch-Deutschen Tschernobyl-Initiative mit Hilfe von standardisierten n psychiatrischen Interviews ergab eine Verbreitung geistiger Störungen von 36 Prozent unter Liquidatoren und von 20,5 Prozent in der gesamten ukrainischen Bevölkerung. Geradezu dramatisch stellt sich die Häufigkeitsverteilung von Depressionen dar: 24,5 Prozent unter Liquidatoren und 9,1 Prozent unter der Allgemeinbevölkerung in der Ukraine.

Schizophrenie häufig diagnostiziert

Eine fortschreitende Zunahme von neuropsychiatrischen Störungen wird auch unter Liquidatoren beobachtet, die von 1986 bis 1987 und besonders unter denjenigen, die drei bis fünf Jahre lang in der Sperrzone um Tschernobyl arbeiteten. Die Häufigkeit neuropsychiatrischer Störungen unter dem Personal, das seit 1986/87 dort arbeitete und Strahlendosen von mehr als 250 Millisievert (mSv) erhielt, wird mit 80,5 Prozent angegeben und für Strahlendosen unterhalb von 250 mSv 21,4 Prozent. Seit 1990, so berichtet Loganovsky, wird eine Zunahme der Schizophrenie-Erkrankungen festgestellt: 5,4 pro 10.000 unter dem Personal gegenüber 1,1 pro 10.000 in der Allgemeinbevölkerung. Im Vergleich zur ukrainischen Allgemeinbevölkerung stieg die Häufigkeit von Schizophrenie unter den in der Tschernobyl-Zone arbeitenden und lebenden Menschen auf das 2,4-fache zwischen 1986 und 97 und auf das 3,4-fache zwischen 1990 und 97 an.

Einen unter Liquidatoren ebenfalls besonders häufig anzutreffenden Symptomenkomplex mit Müdigkeit und Abgeschlagenheit bezeichnet Loganovsky als Chronic Fatigue Syndrom (CFS). Für 26 Prozent derjenigen mit einer Strahlenbelastung von weniger als 0,3 Sievert (Sv; = 300 mSv) treffen laut Loganovsky die diagnostischen Kriterien von CFS zu. Die Häufigkeit von CFS habe von 65,5 Prozent (1990 – 95) auf 10,5 Prozent (1995 – 2001) abgenommen. Gleichzeitig habe ein sogenanntes Metabolisches Syndrom X (MSX) von 15 auf 48,2 Prozent der Liquidatoren zugenommen. CFS und MSX werden als Ausdruck für andere neuropsychiatrische und physisch krankhafte Entwicklungen betrachtet. CFS wird auch als umweltbeeinflusste Anfälligkeit und Anzeichen für eine sich anbahnende Neurodegeneration, für kognitive Beeinträchtigungen und neuropsychiatrische Störungen gesehen. Insgesamt, so betont Loganovsky, scheine dabei die linke Hirnhälfte anfälliger zu sein als die recht

 

Die hier zusammengetragenen Informationen stammen aus dem Strahlentelex Nr. 454-455 / 2005 vom 1. Dezember 2005. Weitere Informationen und den ausführlichen Bericht siehe www.strahlentelex.de. Wir danken der Redaktion des Strahlentelex für die Bereitstellung des Textes, bearbeitet von Bettina Dannheim.