Castor 2011

Das strahlende Erbe der Plutoniumwirtschaft

Am 16. Februar startet aus der ehemaligen Atomforschungsanlage in Karlsruhe eine hochradioaktive Fracht per CASTOR in Richtung Atommülllager Lubmin bei Greifswald. Dort soll der Transport am 17. Februar eintreffen.

Atomzentrum Karlsruhe

In den fünf Castor-Behältern befindet sich das atomare Erbe aus den Plutonium(ALP)träumen der deutschen Atomwirtschaft:  Von 1971 bis 1990 wurden zu Forschungszwecken in der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) abgebrannte Brennelemente aus den deutschen AKWs verarbeitet. Ziel war es, das beim Reaktoreinsatz neu entstandene Plutonium aus den Brennstäben herauszulösen und als neuen atomaren Brennstoff wieder einzusetzen. In Karlsruhe wurde erprobt, was im großtechnischen Einsatz in der ehemals geplanten Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zur industriellen Anwendung kommen sollte. Pläne, die aufgrund enormer technischer Probleme eingestellt wurden. Auch weitere Anlagen der Plutoniumwirtschaft wurden zu Milliarden-Gräbern: Der Schnelle Brüter in Kalkar und die Plutonium-Brennelemente-Herstellung von Siemens in Hanau würden endgültig aufgegeben.

Hochradioaktive Atomsuppe an Plutonium

Bei der Wiederaufarbeitung von rund 200 Tonnen bestrahlter Brennelemente sind in der WAK Karlsruhe insgesamt 60.000 Liter flüssiger und hochradioaktiver Atommüll entstanden. Diese sogenannte „Atomsuppe“  wurde Jahrzehnte und unter permanenter Kühlung in zwei Stahltanks auf dem Gelände der Forschungsanlage gelagert.

Über die Entsorgung des anfallenden Atommülls hat man sich während des Betriebs der WAK keine Gedanken gemacht. Erst mit Schließung der Anlage versuchten die Betreiber einen Weg zu finden, diese hochgefährliche Atommüllsuppe zu „entsorgen“. Erste Pläne sahen vor, diesen flüssigen Abfall, in dem sich neben Salpetersäure rund 16,5 Kilogramm Plutonium, 500 Kilogramm Uran sowie eine Menge Spaltprodukte wie Cäsium oder Strontiumisotope befinden, in die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Frankreich oder ins Belgische Mol zu bringen. Dort sollte der flüssige Abfall dann verglast und in Castor-Behälter verpackt werden.

Doch diese Pläne scheiterten, weil der Transport dieser flüssigen Atommüllabfälle einfach zu gefährlich war. Deshalb wurde in Karlsruhe schließlich eine eigene Verglasungsanlage entwickelt und gebaut. Von 2009 bis 2010 war diese nach langwierigen Erprobungen im Kalt-Zustand und mit Baukosten von rund 350 Mio. Euro in Betrieb. In dieser Zeit wurden 140 Glaskokillen verfestigter Plutoniumbrühe hergestellt, die jetzt in fünf Castorbehältern in das Zwischenlager Lubmin bei Greifswald gebracht werden sollen.

Seit 1996 läuft die Stillegung der Atomforschungsanlage in Karlsruhe. Die Stilllegung und der Rückbau der WAK-Anlage sollen bis spätestens 2023 abgeschlossen sein. Die Gesamtkosten für Rückbau der Anlagen, Verglasung und Lagerung wurden nach einer Schätzung von 2009 auf 2,6 Mrd. € angesetzt. Hiervon trägt die Energiewirtschaft einen Anteil von ca. 0,5 Mrd. €, da sie sich schon in einer Frühphase des Projekts aus der Verantwortung "freigekauft" hat und ihr Kostenanteil gedeckelt wurde. Den Rest müssen die SteuerzahlerInnen aufbringen.

Atommüll aus Karlsruhe in der ASSE II

Damit nicht genug. Ein Großteil der Atommülls aus der WAK Karlsruhe lagert heute im einsturzgefährdeten Atommülllager ASSE II. 60.000 der rund 125.000 Fässer, die in dem ehemaligen Salzbergwerk bei Wolfenbüttel lagern, stammen aus Karlsruhe. Sie enthalten 89 Prozent aller radioaktiven Stoffe, die in den Jahren 1967 bis 1978 in der Betriebszeit des "Versuchsendlagers" Asse abgeworfen wurden. Das Bundesamt für Strahlenschutz plant derzeit, den gesamten Atommüll aus der ASSE zu bergen. Kosten von über 2,5 Mrd. Euro werden dafür derzeit mindestens veranschlagt. Bis heute sind die Atomkonzerne auch an diesen Kosten nicht beteiligt und die Gelder müssen aus der Steuerkasse aufgebracht werden.

Vom Zwischenlager Lubmin zum Endlager Lubmin?

Weiterhin fehlt der Bundesregierung jedes Konzept für die dauerhafte Lagerung des Atommülls. Weil sich die Arbeiten am geplanten Lager im Schacht Konrad weiter verzögern, planen die Betreiber des ZLN Nord in Lubmin derzeit, die Lagerung von leicht- und mittelaktiven Atommüll zu „entfristen“. Für diesen Müll ist bislang eine Lagermöglichkeit von 10 Jahren vorgesehen. Der Betreiber hat nun bei der zuständigen Aufsichtsbehörde in Schwerin beantragt, diese Frist auszusetzen und damit eine unbefristete Lagerung für diesen Atommüll zu ermöglichen.

Insgesamt ist die Lagerung für den hochradioaktiven Atommüll in Lubmin bis 2039 befristet. Bis dahin muss ein Atommüllendlager in Deutschland in Betrieb gehen. Sollte Gorleben aufgrund der vorhandenen Sicherheitsmängel nicht wie von der Bundesregierung vorgesehen als Endlager zur Verfügung stehen, dürfte der Atommüll in Lubmin vermutlich noch viele Jahre länger vor Ort verbleiben. Landespolitiker in Mecklenburg-Vorpommern, darunter auch der Ministerpräsident, formulieren daher die Sorge, dass das ZLN Nord bei Lubmin angesichts der völlig ungelösten Entsorgung zu einem Endlager werden könnte.

Für das atomare Zwischenlager Nord in Lubmin, gibt es bereits eine Finanzplanung des Bundes bis zum Jahr 2080, als deutlich über die bisher genehmigte Lagerzeit hinaus. Weil bundesweit kein Atommüllendlager in Sicht sei, müsse man mit verlängerten Zwischenlagerzeiten rechnen, die zusätzlich Geld kosten: 1 Milliarde Euro.

Der Bundestags-Haushaltsausschuss habe eine bis 2080 reichende Finanzplanung bestätigt, sagte der scheidende Chef der bundeseigenen Betreibergesellschaft Energiewerke Nord, Dieter Rittscher. Danach seien von 2013 bis 2080 für den Betrieb des Zwischenlagers eine weitere Milliarde Euro nötig.

Vorgeschrieben ist eine maximale Laufzeit von 40 Jahren ab der Einlagerung des ersten Atommüllbehälters, was für Lubmin ein Ende der Lagerung im Jahr 2039 bedeutet.

Rittscher begründete die Planungen mit der offenen Endlagerfrage. Deutschland habe sich des Problems sehr spät angenommen. "Alle Zwischenlager in Deutschland müssen verlängert werden", so Rittscher. Selbst wenn ein Endlager 2040 in Betrieb gehe, müssten je nach Dauer der Laufzeitverlängerung deutschlandweit 15 000 bis 20 000 Tonnen Brennelemente eingelagert werden. Dies werde einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren beanspruchen.

In dem einzigen bundeseigenen Zwischenlager sind inzwischen 69 Castoren deponiert. Eine Verlängerung der Einlagerung ist noch nicht offiziell beantragt. Ein solcher Antrag lohne sich aber nach Worten Rittschers erst zehn Jahre vor dem Ablauf der jetzigen Genehmigung - das wäre 2029.

Bei der Laufzeitverlängerung für die Atomreaktoren spielte die Entsorgung des dabei zusätzlich anfallenden Atommülls offenbar keine Rolle. Wenige Wochen nachdem die Laufzeitverlängerung am 1. Januar 2011 Gesetzeskraft erlangte, zeigte sich, dass viele der Atommüll-Standortzwischenlager keine ausreichenden Kapazitäten haben. Es ist unglaublich, dass die Bundesregierung der fehlenden Entsorgung des Atommülls erneut keine Aufmerksamkeit widmet. Als gäbe es das Desaster in der ASSE II nicht.

Deshalb: Atomtransporte stoppen! Atomkraftwerke abschalten!