Artikel-AuswahlROBIN WOOD-Magazin 2/2002 |
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titel: Heft 2/2002 Der Strom der GeschlechterUlrike Röhr, Frankfurt Nachhaltige Energieproduktion und nutzung gelten als einige der Themen, bei denen es vermeintlich keine Geschlechterunterschiede gibt. Energie verbrauchen wir alle, Energiesparen müssen wir auch alle egal welchen Geschlechts. Aber ist es wirklich so einfach? Nutzen Männer und Frauen Energie für die gleichen Anwendungen? Verbrauchen sie gleich viel Energie? Sparen sie gleichermaßen beim Energieverbrauch? Und schließlich: bestimmen sie gleichberechtigt über die Art der Energieproduktion, über Energiekonzepte und Energiesparmaßnahmen? Die Energieproduktion und -verteilung sind in den Industrieländern mit die bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren und als solche auch mit der entsprechenden Macht versehen. Hier zeigt sich bereits der erste ganz wesentliche Geschlechterunterschied: Diese Macht wird weitgehend unter Ausschluss von Frauen ausgeübt. Damit unterscheidet sich der Sektor zwar nicht dramatisch von anderen Wirtschaftsbereichen, im Energiebereich zieht sich dieser Faktor aber durch alle Ebenen, unabhängig davon, ob es sich um Energieplanung, -produktion oder -politik handelt. Diese starke und sehr starre Geschlechtertrennung ist zum einen der Situation geschuldet, dass Frauen in technischen Berufen extrem unterrepräsentiert sind, was sich in einem Beschäftigungsanteil von sechs Prozent bei den IngenieurInnen und 19 Prozent insgesamt in der deutschen Energiewirtschaft widerspiegelt. Zum anderen aber scheint die Energiewirtschaft als Arbeitsplatz für Frauen auch nicht sehr attraktiv zu sein, wie das Ergebnis einer Befragung von SchülerInnen zeigt: Mädchen zeigten nicht das geringste Interesse an einer Ausbildung in der Energiewirtschaft (1). Energie- und Klimaschutz aus der Genderperspektive Aber auch im Privathaushalt gibt es die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Auf der einen Seite die unsichtbare und entsprechend gering bewertete Arbeit des Energiesparens durch Verhaltensänderungen, auf der anderen die gesellschaftlich wesentlich höher bewerteten Aktivitäten zum Energiesparen durch technische Anlagen und Investitionen sei es die Wärmedämmung, die energieeffiziente Heizungsanlage oder die Sonnenenergienutzung. Wem im Privathaushalt welche Aufgabe zukommt, dürfte klar sein. Als erstes Fazit lässt sich also festhalten, dass die Beteiligung von Frauen in Energiewirtschaft und -industrie zu wünschen übrig lässt. Wie sieht es nun bei den energiepolitischen Inhalten aus, spielen hier Genderaspekte eine Rolle? Wie in vielen technisch orientierten Bereichen liegen auch im Energiebereich Gender-Unterschiede nicht direkt auf der Hand. Sie zu erkennen bedarf des nicht nur des guten Willens und genauen Hinschauens, sondern ebenso der Forschung. Und hier zeigt sich ein großes Defizit: Es gibt weder Forschungsprojekte, die geschlechterdifferenziert Energie- und Klimaschutzkonzepte entwickeln oder analysieren, noch die entsprechenden Daten, die auf Geschlechterunterschiede hinweisen könnten. So ist es auch kaum verwunderlich, dass weder Umweltorganisationen noch Frauenorganisationen sich mit der Thematik beschäftigen und Aussagen wie die, dass eine weibliche Klimaschutzpolitik nicht zu identifizieren ist, diese sich auch nicht allzu sehr von dem unterscheidet, was männliche Experten vortragen würden (2), unwidersprochen stehen bleiben. Frauen gegen Atomkraft Aber wo liegen nun die Unterschiede im Energie- und Klimaschutzbereich? Eine Ausnahme bei dem erwähnten Mangel an Untersuchungen und Daten sind Forschungsergebnisse aus den 80er Jahren zu der Einstellung der US-amerikanischen Bevölkerung zur Atomenergienutzung. Hier zeigt sich deutlich, und das bestätigt sich durch aktuellere Befragungen in Skandinavien, dass Frauen die Nutzung von Atomenergie wesentlich stärker ablehnen als Männer was nicht zuletzt in den Demonstrationen und Aktionen nach dem Supergau in Tschernobyl deutlich wurde. Auch wenn sich damals viele Frauen für die verstärkte Nutzung regenerativer Energien einsetzten die bezahlten und einflussreichen Jobs in diesen Bereichen blieben in aller Regel den Männern vorbehalten. Aus dieser Situation entstand eines der seltenen Energie-Projekte von Frauen. Windfang, eine Frauenenergiegenossenschaft, will nicht nur zur Energiewende beitragen, sondern dabei auch noch Frauen die Möglichkeit zur Professionalisierung sowie zur ökologischen Geldanlage bieten. Das Interesse von Frauen, sich auch im Alltag umweltbewusst zu verhalten, wird von einer geschlechterdifferenzierten Analyse der Bevölkerungsumfragen zum Umweltbewusstsein (3) hervorgehoben. Allerdings geht ihr höheres Umweltbewusstsein nicht einher mit einem höheren Faktenwissen. Hier zeigt sich deutlich, dass Informationen zu Umweltfragen, und ganz besonders zu Energiefragen, Frauen nicht ansprechen. Mögliche Ursachen dafür sind, dass die Informationen Frauen nicht direkt adressieren, und/oder dass die Inhalte nicht entsprechend aufbereitet sind. Das fehlende Faktenwissen von Frauen in Kombination mit ihrem hohen Umweltbewusstsein machen sich wiederum Energiekonzerne zu Nutzen. Die Werbung für Strom aus Wasserkraft eines der größten Stromversorgers in Deutschland zum Beispiel adressiert Frauen und setzt darauf, dass sie weder wissen, dass dieser Konzern gleichzeitig einer der größten Atomenergieproduzenten in Deutschland ist, der andere Formen der Nutzung regenerativer Energien massiv bekämpft; noch dass sie merken, dass sie durch das Angebot verbrauchsunabhängiger Festpreise bei niedrigem Verbrauch überhöhte Preise zahlen und damit indirekt zu einem höheren Stromverbrauch aufgefordert werden; und schon gar nicht, dass sie wissen, dass dieser Strom aus alten Wasserkraftwerken kommt und sie mit den überhöhten Preisen mitnichten den Ausbau regenerativer Energien fördern. Die Informationsbroschüre des Bundesumweltministeriums zum Klimaschutzprogramm hat dagegen offensichtlich eine männliche Zielgruppe. Warum sonst wird der Titel Langfristiger Klimaschutz bringt messbaren Erfolg mit bikini-bekleideten Frauen(-brüsten) verziert, oder der Untertitel Die Bundesregierung als Motor des weltweiten Klimaschutzes mit einem knackigen Frauenpo unterlegt? Energiesparen ist Frauensache Wenn es um das Alltagsgeschäft des Energiesparens im Haushalt geht, werden Frauen zwar auch nur indirekt angesprochen indem die Haushalte aufgefordert werden, energiesparend zu kochen (Energiespartipp des BMWI: Gut gekocht ist halb gespart) und zu waschen, aber offensichtlich gemeint das jedenfalls zeigen Untersuchungen über die Zeitverwendung der Bevölkerung bezüglich der Aufteilung der Hausarbeit eindeutig. Untersuchungen zeigen aber auch, dass Haushalte mit weiblichem Haushaltsvorstand (Single-Haushalte und Alleinerziehende) einen unterdurchschnittlichen Ausstattungsgrad mit technischen Geräten und besonders mit Unterhaltungselektronik und Computern haben. Letztere sind Männerdomänen mit immensen Wachstumsraten, die aber selten bei Energiesparappellen angesprochen werden. Für Frauen kommt erschwerend hinzu, dass die an sie gerichteten Energiesparaufforderungen häufig zu Lasten ihres ohnehin knappen Zeitbudgets gehen. Ihr Einfluss auf die Entwicklung und Produktion von elektrischen Haushaltsgeräten ist dagegen äußerst gering: Niemand fragt die für die Versorgungsarbeit Verantwortlichen, ob sie immer wieder neue Produkte brauchen. Diese werden entwickelt, weil der Markt mit gängigen Produkten gesättigt ist, nicht weil sie im Haushalt benötigt werden. Aber auch die das Energiesparen im Haushalt betreffenden technischen Voraussetzungen liegen meistens außerhalb ihres Einflussbereiches. Die Verantwortung für Heizungsanlagen und Warmwasserbereitung ebenso wie für den Anschluss, der für energiesparendes Kochen auf dem Gasherd nötig ist, liegt beim in der Regel männlichen Hausbesitzer. Viele der erwähnten Untersuchungen stammen aus den 80er Jahren und sind somit möglicher Weise durch die gesellschaftliche Entwicklung überholt. Das zeigt einmal mehr, wie schwierig es ist, den Teufelskreis zu durchbrechen: Genderaspekte im Energiebereich werden nicht anerkannt, weil es keine (aktuellen) Daten und Untersuchungen dazu gibt weil sie nicht anerkannt sind, gibt es keine Daten und Untersuchungen. Der Süden machtss vor Ganz anders in den Ländern des Südens: Hier ist Frauen/Gender und Energie ein Themenbereich, dem zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dies zeigt sich in einer wachsenden Zahl an Publikationen (4) und Untersuchungen, aber auch in der parallel dazu wachsenden Zahl an Frauenprojekten und Netzwerken im Energiebereich. Gemeinsam ist der Situation von Frauen im Energiebereich im Norden und im Süden ihr geringer Einfluss auf Energiekonzepte und kommerzielle Energieproduktion. Große Unterschiede gibt es bei der Verfügbarkeit von Energie und dem Zugang zur Energieversorgung von Frauen sowie ihrer zusätzlichen körperlichen, gesundheitlichen und zeitlichen Belastung durch immer weitere Wege auf der Suche nach brennbarer Biomasse. Dies sind auch die Ansatzpunkte für Frauenenergieprojekte im Süden, die eine dezentrale, regenerative Energieerzeugung unter Beteiligung von Frauen bei der Konzeptionierung und Nutzung zum Ziel haben. Was können wir im Norden aus der zunehmenden Akzeptanz der Thematik Gender & Energy im Süden lernen? Dringend erforderlich ist eine Sensibilisierung aller Akteure im Energie- und Klimaschutzbereich für Genderaspekte. Dazu bedarf es unter anderem verstärkter Förderung entsprechender Untersuchungen sowie der grundlegenden geschlechterdifferenzierten Datenerhebung. Aber führt das dann zu einer weiblichen Klima- oder Energiepolitik? Mitnichten, aber das ist auch nicht das Ziel. Klimaschutz- und Energiepolitik geschlechtergerecht zu entwerfen, die unterschiedlichen Situationen, Bedürfnisse und Probleme von Frauen und Männern wahrzunehmen und in politische Konzepte einfließen zu lassen, die Lasten der notwendigen Ressourceneinsparung nicht einseitig einem Geschlecht aufzubürden und auch die Entscheidungsmacht gerecht zwischen den Geschlechtern zu verteilen ist das Ziel des Gender-Mainstreaming. Denn eines ist klar: Nachhaltigkeit und das gilt auch für den Bereich der nachhaltigen Energieproduktion und -nutzung kann nicht ohne eine gerechte Verteilung aller Ressourcen zwischen den Geschlechtern erreicht werden.
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Quellen
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titel: Heft 2/2002 Strahlender Müll - wohin?Stefan Hild und Bettina Dannheim, Hamburg Mit dem Begriff Atomausstieg verbinden Viele das Abschaffen, oder für den Anfang zumindest das Reduzieren von Atomanlagen - doch weit gefehlt! Während noch in den Sternen steht, wann das erste Atomkraftwerk tatsächlich vom Netz geht, wurde im neuen Atomgesetz die Errichtung einer Reihe neuer kerntechnischer Anlagen festgeschrieben. Bis zum Jahr 2005 sollen 12 dezentrale Atommüll-Lager errichtet werden. Die Atommüll-Halle in Lingen ist seit Oktober 2000 in Bau und wird demnächst bezugsfertig sein. Am 14. Juni 2000 einigten sich die Bundesregierung und die vier größten Stromkonzerne über die Reststrommenge der deutschen Atomkraftwerke. Die politisch sehr umstrittene Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen wurde Grundlage des neuen Atomgesetzes, welches am 1. Februar 2002 im Bundesrat abschließend beraten wurde. Dieses, von der rot-grünen Bundesregierung getitelte Atomausstiegsgesetz tritt an die Stelle des Atomförderungsgesetzes aus dem Jahr 1959. Die Betreiber der Atomkraftwerke werden dem neuen Atom-Gesetz zufolge verpflichtet, standortnahe Atommüll-Zwischenlager zu errichten. Bundesumweltminister Trittin verfolgt mit dieser Regelung das Ziel, die Entsorgungslasten zwischen den Bundesländern neu zu verteilen und die zentralen Zwischenlagerstandorte Gorleben und Ahaus zu entlasten. Das neue Atomgesetz verbietet ab Mitte des Jahres 2005 den Transport abgebrannter Brennelemente in die ausländischen Wiederaufarbeitungsanlagen Sellafield und La Hague. Bis dahin sollen die neuen Lagerhallen für den strahlenden Atommüll bezugsfertig sein vor Ort, an den Kraftwerksstandorten. Unter hohem Zeitdruck führte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) daher im letzten Jahr alle Erörterungstermine im Rahmen des atomrechtlichen Genehmigungsverfahrens durch. Bereits Ende diesen Jahres will das Amt die Aktenberge bearbeitet und die Verfahren abgeschlossen haben. Proteste all über all Zu Beginn der Öffentlichkeitsbeteiligung hatte wohl kaum jemand im Bundesumweltministerium mit einem massiven und lang anhaltenden Widerstand gegen die neuen Atommüll-Lager gerechnet. Doch es kam anders: Mehr als 220.000 Einwendungen wurden gegen den Bau der standortnahen Zwischenlager eingereicht. Allein am Standort des AKWs Gundremmingen wurden 75.953 Einwendungen abgegeben. Der Erörterungstermin selbst dauerte 7 Tage. Nach Angaben des BfS haben sich mehr als 700 EinwenderInnen aktiv an der Veranstaltung beteiligt. In Norddeutschland erhoben 17.500 Personen Einwendungen gegen das Atommüll-Lager am AKW Unterweser. Bereits im März 2001 hatte der zuständige Gemeinderat den Bauantrag des Betreibers E.ON für das Zwischenlager mit großer Mehrheit abgelehnt. Die örtliche Bürgerinitiative Aktion Z führte am 27. August 2001 eine Bürgerbefragung in der betroffenen Gemeinde Stadtland durch. 69,5% der Befragten sprachen sich gegen den Bau des Zwischenlagers aus, 22,6% hatten keine Einwände, 7,1% enthielten sich der Stimme. Es gibt keine Standort-Gemeinde, in der die Bevölkerung oder die kommunalen Gremien nicht versuchen, die Lagerhallen zu verhindern. Beantragte
dezentrale Atommüll-Lager
Auch aus Österreich kam massiver Protest gegen den Bau der Atommüll-Lager. Allein 22.000 Einwendungen liegen dem BfS gegen das Zwischenlager am AKW-Gundremmingen vor, insgesamt wurden etwa 60.000 Einwendungen gegen die Vorhaben an den Atomkraftwerken Biblis, Philippsburg, Neckarwestheim, Grafenrheinfeld, Gundremmingen und Isar/Ohu eingereicht. Dem österreichischen Bundesumweltministerium und den Landesregierungen Oberösterreich und Vorarlberg war es gelungen, im bundesdeutschen Genehmigungsverfahren zu intervenieren. Auf der Grundlage der Europäischen Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP)-Richtlinie und der Espoo-Konvention ist Deutschland verpflichtet, Nachbarstaaten durch eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung am Genehmigungsverfahren zu beteiligen. Österreich stellte fundiert dar, dass keines der süddeutschen Zwischenlager ausreichend gegen Flugzeugabstürze mit anschließendem Kerosinbrand geschützt ist. Deutlich wird aufgezeigt, dass im Falle eines Unfalls oder auch Terroranschlags viele CASTOR-Behälter undicht und große Mengen radioaktiven Cäsiums freigesetzt werden würden! Diese Ergebnisse wurden dem BfS Anfang April von Vertretern Österreichs in einem extra einberufenem Erörterungstermin vorgetragen. Das BfS, dass derzeit auch die österreichischen Einwendungen prüft, kündigte weitere Konsultationen mit der Österreichischen Bundesregierung an. Der besondere Clou: Interimslager Da einige Atomkraftwerke bereits heute an ihrem radioaktiven Müll ersticken, wurde die Errichtung von sogenannten Interimslagern ermöglicht, in die der Müll sofort verschoben werden kann. Hierbei handelt es sich um Betonumhausungen für jeweils einen CASTOR-Behälter. Das erste Interimslager wurde bereits im April 2001 am Standort des AKW Neckarwestheim genehmigt, im August folgte die Genehmigung für das Interimslager Philippsburg, im Dezember 2001 für das am Standort Biblis. In Philippsburg und Neckarwestheim haben EinwenderInen gegen das Interimslager Klage erhoben. Im Mai 2002 wird mit einem Urteil gerechnet. Inhaltlich richteten sich die Klagen darauf, dass die Interimslager nach § 7 Atomgesetz hätten genehmigt werden müssen, da durch die zusätzlichen Lager am Standort mit der daraus entstehenden Erhöhung des radioaktiven Inventars eine wesentliche Änderung des Betriebs der bestehenden Atomanlage besteht. Das Interimslager muss demnach in seiner Wechselwirkung mit dem AKW gesehen werden, erst dies erlaube einen Rückschluss auf die mit dem Interimslager zusätzlich verbundenen Gefahren. Tatsächlich erfolgte die Genehmigung aber nach § 6 Atomgesetz. Von Sicherheit keine Spur Auch ROBIN WOOD-Aktivisten haben gegen die Errichtung der Lagerhallen und Interimslager protestiert und während der Erörterungstermine ihre Argumente vorgetragen. Dazu gehörten unter anderem die mangelhafte Konstruktion der Hallen selbst, der CASTOR-Behälter und die Vernachlässigung sicherheitstechnischer Aspekte. Das Gebäude selbst trägt in keiner Weise zum sicheren Einschluss des radioaktiven Materials bei. Aufgrund der offenen Konstruktionsweise der Hallen dienen diese lediglich als Witterungsschutz für die CASTOR-Behälter. Die einzige Sicherheitsbarriere stellen die schon häufig aufgrund von Sicherheitsdefiziten in die Schlagzeilen geratenen Behälter selbst dar. Sie seien sicher, beteuern die Betreiber, da die Bundesanstalt für Materialforschung und prüfung jeden Behältertyp unter folgenden Bedingungen teste:
Einmal davon abgesehen, dass mit diesen Tests nicht alle denkbaren Unfallszenarien abgedeckt sind, besteht das Problem darin, dass die oben genannten Tests gar nicht stattgefunden haben!! So haben mit den nach 1982 entwickelten und in Deutschland verwendeten CASTOR-Typen keine praktischen Versuche zum direkten Nachweis der Einhaltung der Belastungsanforderungen stattgefunden, heißt es in einer Veröffentlichung des BfS. Anstelle von realen Tests genügen gegenwärtig Ähnlichkeitsbetrachtungen, Berechnungen oder Versuche an verkleinerten Modellen, um eine Zulassungsgenehmigung zu erhalten. Das derartige Computersimulationen und Berechnungen mit der Wirklichkeit nichts gemeinsam haben, wurde im Mai 1999 deutlich, als festgestellt wurde, dass der Ausdehnungskoeffizient für die in die Behälterwandung eingelassenen Moderatorstäbe falsch gemessen worden war. Dadurch wurden Ausdehnungen höheren als den tatsächlichen Temperaturen zugeordnet. (BfS) Wenn es den CASTOR-Konstrukteuren nicht einmal gelingt, die temperaturbedingte Ausdehnung eines Kunststoffstabes fehlerfrei zu berechnen, sind erhebliche Zweifel angebracht, das komplizierte dreidimensionale Simulationen fehlerfrei durchgeführt werden können. Ohne praktische Tests existiert die Sicherheit von CASTOR-Behältern nur innerhalb von Computern. Wir leben aber in der Realität. Und dennoch werden in den nächsten Jahrzehnten über 1.000 derartige, nicht getestete, mit hochradioaktivem Müll beladene Behälter vom Typ CASTOR V/19 in deutschen Zwischenlagern die einzige Sicherheitsbarriere darstellen. Zwischenlager steht für Endlager Wenn die Atomkraftwerke neueren Datums nach den Konsensbestimmungen regulär noch bis zu 20 Jahre Müll produzieren und gleichzeitig Strommengen von älteren AKW's auf neue übertragen werden, wird das letzte deutsche AKW zwischen 2025 und 2030 vom Netz gehen. Die Zwischenlager sollen aber maximal für 40 Jahre genehmigt werden. Das bedeutet, dass der zuletzt produzierte Müll lediglich 10 bis 15 Jahre abkühlen kann, bevor er ins Endlager verbracht werden müsste. Dieser Zeitraum ist bereits für Uranbrennelemente kurz bemessen, für MOX-Brennelemente reicht er in jedem Fall nicht aus. Diese kommen aber in einigen deutschen Atomkraftwerken neben den normalen Uranbrennelementen zur Verwendung. Aufgrund ihrer spezifischen Zusammensetzung besitzen abgebrannte MOX-Elemente eine um den Faktor zwei bis drei größere Wärmeleistung als die Standart-Uranelemente. Daher müssen MOX-Brennelemente sehr viel länger abkühlen, bevor sie endgelagert werden können. Es ist daher damit zu rechnen, dass nach 40 Jahren die Betriebsgenehmigung der Zwischenlager verlängert werden muss. Auf diesem Wege und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es absehbar kein genehmigungsfähiges Endlager geben wird, besteht die berechtigte Sorge der betroffenen Bevölkerung, dass die zwölf dezentralen Zwischenlager heimlich, still und leise zu Endlagern umfunktioniert werden. Die Genehmigungsverfahren für die dezentralen Standortzwischenlager sollen nach Angaben des BfS noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Bis dahin ist noch viel Papier zu bearbeiten, Gutachten sind anzufertigen und bewerten. Das Bundesamt für Strahlenschutz wird es nicht leicht haben, die fachlich qualifizierten Einwendungen vom Tisch zu wischen. Trotz alle dem ist nicht damit zu rechnen, dass einem Betreiber der Bau des Zwischenlagers verwehrt werden wird, da dann das gesamte Entsorgungskonzept der Bundesregierung scheitern könnte. Das BfS ist gezwungen, die Genehmigung zahlreicher kerntechnischer Anlagen übers Knie zu brechen, um der politischen Vorgabe der Bundesregierung gerecht zu werden. Sicher ist, dass die Standort-Initiativen weiterhin gegen die Interims- und Zwischenlager protestieren und auch gerichtlich vorgehen werden. ROBIN WOOD wird sich an den Protesten beteiligen.
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titel: Heft 2/2002 Energiewende in den eigenen vier WändenEnno Thormählen und Thorsten Ellenbeck, Köln Nutzung von Sonne, Wind und Wasser Ausstieg aus der Atomenergienutzung. Das sind gängige Stichworte, wenn es um die Energiewende, also die umwelt- und klimaverträgliche Energieerzeugung geht. Doch neben der Erzeugung und dem Transport der Energie ist es noch wichtiger, sparsam mit der Energie umzugehen. ExpertInnen fordern eine um den Faktor 10 effizientere Energieausnutzung. Und hier ist jeder gefragt von der Großindustrie bis zum Fernsehjunkie. Der Privatbereich bietet eine ganze Menge ungenutzter Einsparmöglichkeiten. Neben der sparsamen Stromnutzung geht es auch um den bewussten Umgang mit Heizung und Warmwasser im Haushalt. Private Haushalte und Kleinverbraucher sind für ca. 30 % des Gesamtenergieverbrauchs verantwortlich. Damit sind sie neben der Industrie und dem Verkehr einer der Hauptverbraucher. Rechnet man den Anteil des individuellen Freizeitverkehrs inzwischen werden drei von vier Pkw-Fahrten im Freizeitbereich unternommen wird die Verantwortung jedes Einzelnen noch größer. Bisher ist leider noch kein Spartrend zu erkennen. Mein Strom kommt aus der Steckdose... Der Effekt, den sparsame Geräte oder bessere Wärmedämmung haben, wird durch eine Flut von zusätzlichen elektrischen Geräten und den Anstieg der Wohnfläche pro Kopf aufgehoben. Zur Zeit steigt der private Energieverbrauch leicht an. Zukunftsszenarien halten aber Einsparpotentiale von bis zu 50 Prozent für möglich. Die Industrie hat es nicht geschafft, ihren Energiehunger zu zügeln. Immerhin gelang es in den letzten Jahrzehnten trotz stetigen Wirtschaftswachstums, den Energieverbrauch nur gering zu steigern. Im Verkehrsbereich wird noch eine deutliche Erhöhung erwartet, bevor sich durch sparsamere Motoren ein Einspareffekt ergibt. In allen drei großen Verbrauchsbereichen gibt es erhebliches Einsparpotenzial durch effizientere Technik und verändertes Nutzungsverhalten. Sie sind aus keinem Haushalt mehr wegzudenken - die Kühlschränke, Tiefkühltruhen, Waschmaschinen, Geschirrspüler, Mikrowellengeräte und, und, und... Rund 1/6 des Stroms in Deutschland wird durch Haushaltsgeräte verbraucht. Auch wenn die so genannte weiße Ware immer sparsamer wird, werden Energieeinsparungen durch die steigende Zahl der Geräte im Haushalt zunichte gemacht. Wer immer noch viele alte Maschinen besitzt, sollte sich ernsthaft die Anschaffung neuer, besonders sparsamer Geräte überlegen. Die Stromersparnis gleicht schnell die Mehrkosten gegenüber einem Standardgerät aus. Inzwischen müssen alle Hersteller ihre Haushaltsgeräte mit sogenannten Energielabeln kennzeichnen. Die Geräte werden nach Energieverbrauch mit den Buchstaben A (Niedriger Verbrauch) bis G (Hoher Verbrauch) unterteilt. Aber selbst in der Klasse A gibt es große Unterschiede. Vergleichen lohnt sich also. Außerdem ist die Technik nicht stehen geblieben. Die den Klassen zu Grunde liegenden Werte sind aber schon einige Jahre alt und müssten jetzt verschärft werden.
Sparsame Technik hilft aber nicht, wenn das alltägliche Nutzungsverhalten nicht energiebewusst ist. Wer den Einkaufszettel vor dem geöffneten Kühlschrank schreibt, der Lieblingshose vor dem Discobesuch schnell eine Solowäsche nebst Trockner gönnt, zum Auftauen die Mikrowelle nutzt, den Backofen schon mal eine Stunde vorher anschaltet, für eine Tasse Tee grundsätzlich 1 Liter Wasser zum Kochen bringt, der wird auch weiterhin guter Kunde bei seinem Stromversorger sein. Effiziente Geräte müssen auch intelligent genutzt werden. Es werde Energiesparlicht Herkömmliche Glühlampen sind der Energieverschwender par excellence. Sie sollten eher Heizstrahler heißen, denn 95 % der Energie wird als Wärme abgegeben, nur 5 % als sichtbares Licht. Leider verhindert eine Reihe von Vorurteilen immer noch den konsequenten Einsatz von Kompaktleuchtstofflampen (Energiesparlampen). Dabei verbrauchen sie nur 1/6 bis 1/10 des Stroms. Mit modernen Lampen ließe sich ein Einsparpotential von 80% erreichen. Auch wenn Licht nur 10% des privaten Stromverbrauchs ausmacht, ließen sich mit der eingesparten Primärenergie 2 Mill. Haushalte ein Jahr lang beheizen. Niedervolt-Halogenlampen sind sehr beliebt, Energiesparlampen leider nicht. Die Wattleistung der Halogenlampen wird zwar meistens etwas niedriger gewählt als bei Glühlampen, dafür werden aber gleich mehrere Lampen eingebaut. Außerdem werden Sie immer mit einem Transformator betrieben, um die Spannung von 220 auf 12 Volt umzuwandeln. Da dieser meistens ständig unter Strom steht gibt er Energie in Form von Wärme ab. Einen Spareffekt von 30 % kann man erzielen, wenn moderne Halogenlampen mit Infrarotbeschichtung (Zusatz IRC auf der Lampenschachtel) benutzt werden. Die Lichtausbeute ist hier höher, so dass Lampen mit weniger Leistung benutzt werden können (z.B. 35 statt 50 Watt). Die Stromkostenersparnis und die längere Lebensdauer gleichen den Mehrpreis mehr als aus. Auch Zeitschaltuhren und Infrarotschalter (sogenannte Bewegungsmelder) können Strom sparen. Die Dauerbeleuchtung in Fluren, Treppenhäusern oder im Eingangsbereich wird nur dann automatisch eingeschaltet, wenn sie wirklich gebraucht wird. Energieräuber am Werk In manchen Wohnzimmern ist ständig Weihnachten. Überall leuchten rote, grüne oder gelbe Lämpchen. Die Leuchtdioden von HiFi, TV, Video, Anrufbeantworter, schnurlosem Telefon usw. signalisieren ständige Betriebsbereitschaft, die nur während der wenigen Minuten oder Stunden der täglichen Betriebszeit tatsächlich bebraucht wird. Dieser Energieraub, ohne dass sich wirklich etwas tut, wird offiziell Leerlaufverlust genannt. Die Leerlaufverluste summieren sich alleine in den privaten Haushalten auf die unvorstellbare Summe von rund 2000 Megawatt Strom. Zwei Großkraftwerke könnten komplett abgeschaltet werden, wenn wir auf den Stand-by-Betrieb verzichteten. Der Trend zu Geräten mit Leerlaufverlusten nimmt aber kontinuierlich zu. Viele Geräte brauchen Strom, auch wenn sie ausgeschaltet sind. Dazu gehört der Herd mit eingebauter Uhr oder die Waschmaschine mit Computerprogramm genauso wie der PC oder die Netzteile vom Radiorecorder, Modem oder Accustaubsauger. Abhilfe schafft hier nur eine ausschaltbare Steckdose oder die Mehrfachsteckdosenleiste mit Schalter. Die schützt im ausgeschalteten Zustand gleichzeitig vor Überspannungsschäden durch Blitzschlag. Der geringe Strombedarf zur Speicherung der eingestellten Uhr oder Programmierdaten kann meist auch über die eingebaute Batterie bereitgestellt werden. Die wird dann beim nächsten Betrieb wieder aufgeladen. Warmes Wasser von der Sonne Die Erwärmung des Brauchwassers steht beim Energieverbrauch im Durchschnittshaushalt an zweiter Stelle, nur für die Heizung wird mehr Energie eingesetzt. Besonders teuer und umweltschädlich ist die Warmwasserbereitung mit Strom, weil in den Großkaftwerken bei der Stromerzeugung ein Großteil der Primärenergie als Abwärme verloren geht. Sinnvoller ist es also über die Öl- oder Gasheizungsanlage das Warmwasser zu erzeugen, noch besser über die thermische Solaranlage. Dann sollten auch Waschmaschinen und Geschirrspüler an die Warmwasserversorgung angeschlossen werden, denn sie verbrauchen bis zu 80 % des Stroms für die Erwärmung des Wassers. Neue Geräte besitzen dafür einen separaten Warmwasseranschluss. Besondere Energieverschwender sind elektrische Durchlauferhitzer, sie verbrauchen zwar nur beim Aufdrehen des Warmwasserhahns Strom, dann aber gleich 1-2 kW. Auch Untertischwarmwasserbereiter sind Stromfresser, weil sie das Wasser ständig temperiert halten, aber keinerlei Isolierung besitzen. Viel Strom lässt sich sparen, wenn die Geräte nur bei Bedarf eingeschaltet werden. Hierfür gibt es spezielle Vorschaltgeräte, die per Hand eingeschaltet werden müssen und nach der Wassererhitzung automatisch abschalten. Die Absenkung der Warmwassertemperatur um 5°C kann bis zu 10% Energie einsparen, außerdem sollten die Rohre lückenlos isoliert sein. Häufig werden Zirkulationspumpen eingesetzt, die ständig das Warmwasser zirkulieren lassen, um schnell an jeder Zapfstelle warmes Wasser zu haben. Das ist ein zweifelhafter Luxus. Durch Zeitschaltuhren sollte die Pumpentätigkeit auf die Verbrauchsspitzen von Warmwasser morgens und abends begrenzt werden. Sonnenkollektoren können zumindest in den Sommermonaten die Warmwasserversorgung komplett übernehmen. Dann kann die Öl- oder Gasheizung in Sommerschlaf gehen. Heizen schluckt die meiste Energie Die Heizung ist der Spitzenreiter unter den Energieschluckern im Haushalt. Große Einsparpotentiale liegen bereits beim Hausbau. Gute Wärmedämmung, Ausrichtung der Wohnräume nach Süden und ein Brennwertkessel sind wesentliche Stichworte. Die neue Energieeinsparverordnung setzt bei Neubauten hohe Standards, aber der Altbestand der Wohnungen ist ein Problem. Die Vermieter schrecken vor den hohen Investitionen zurück, weil die Heizkosten ohnehin von den Mietern getragen werden. Im Privatbereich machen sich Wärmedämmung oder ein neuer Heizkessel schon nach wenigen Jahren bezahlt. Die Umwälzpumpen laufen häufig auf höchster Stufe rund um die Uhr. Die Wahl einer niedrigeren Umdrehungszahl reduziert den Stromverbrauch. Die gerade ausreichende Umdrehungszahl muss durch Probieren ermittelt werden. Mit dem Thermodrive-Heizungspumpenregler lässt sich über Wärmefühler an Vor- und Rücklauf die Pumpe sogar nur einschalten, wenn zusätzliche Heizungswärme gebraucht wird. Schon eine Absenkung der Raumtemperatur um 1°C kann 4 6 % an Heizenergie einsparen. Thermostatventile sollten nie voll aufgedreht werden, sondern in die Stellung gebracht werden, die für die gewünschte Endtemperatur geeignet ist. Das eingebaute Ventil öffnet ohnehin beim Unterschreiten der Temperatur voll. Nachts sollte die Heizungstemperatur am besten zentral heruntergefahren werden. Um ein Auskühlen der Wände zu vermeiden, sollte nie dauergelüftet werden, sondern die Fenster kurz ganz geöffnet werden (Stoßlüftung). ---Enno Thormählen und Thorsten Ellenbeck sind in der ROBIN WOOD-Gruppe Köln seit vielen Jahren aktiv. Energiespartipps
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titel: Heft 2/2002 Von Agent Orange zu Roundup UltraGerhild Alice Eberle, Berlin Massive Herbizideinsätze gegen den kolumbianischen Drogenanbau bedrohen nicht nur Artenreichtum und Wasserreserven. Untersuchungen über die Gesundheits- und Umweltrisiken der bereits fast zwei Jahre andauernden Fumigaciones fehlen bis heute. Die Menschen berichten über ihre Ohnmacht angesichts der Flugzeuge, die immer wieder auftauchen. Ein dichter Nebel breitet sich über ihren Siedlungen aus. Danach riecht alles nach Chemikalien, auch das Wasser, das sie notgedrungen trinken müssen. Der Plan Colombia, als Entwicklungsplan verkaufter Kriegsplan der kolumbianischen und nordamerikanischen Regierung, schlägt sogenannte Fumigaciones als Maßnahme gegen den Drogenanbau vor: Dabei handelt es sich um das Besprühen weiter Landesteile mit starken Herbiziden vom Flugzeug aus. Diese sollen illegale Drogenanpflanzungen wie Marihuana, Mohn und Koka vernichten, greifen jedoch alle Pflanzenarten an und vernichten damit das angebaute Gemüse ebenso wie den Urwald. 22 der 33 kolumbianischen Departamentos (vergleichbar mit Bundesländern) werden als Mohn- oder Kokaproduzenten aufgeführt und können dementsprechend Ziele der Fumigaciones werden. In diesen Regionen leben 27,5 Millionen Menschen, zwei Drittel der kolumbianischen Bevölkerung. Obwohl der kolumbianische Nationalrat für Rauschgifte (CNE) die Risiken der verwendeten Pflanzengifte zum Teil kennt, hält er diese für vertretbar und erlaubte ihren Einsatz trotz landesweiter und internationaler Proteste: Im Dezember 2000 begannen im Departamento Putumayo im Süden des Landes die Besprühungen mit einem Glifosat-Herbizid, allgemein unter dem Verkaufsnamen Roundup bekannt. Die erwarteten Probleme blieben nicht aus: Die betroffene Bevölkerung berichtete über starke Gesundheitsprobleme bei Mensch und Tier bis hin zum Nutztiersterben, Boden-, Luft- und Wasserverschmutzung. Da Roundup kein selektives Herbizid ist, unterscheidet es nicht zwischen illegalem Drogen- und harmlosem Gemüseanbau. Durch das Sprühen aus der Luft kommt es immer wieder vor, dass alles andere als die beabsichtigten Kokapflanzen vergiftet werden: Obst und Gemüse, Urwald, vom Aussterben bedrohte Pflanzen, Wasserquellen, Tiere und Menschen. Bereits nach knapp zwei Monaten wurden der Polizei von Valle del Guamués, im Putumayo, folgende Schäden berichtet: 7.252 Hektar beschädigte Pflanzungen, 178.377 betroffene Tiere, 4.289 betroffene Personen. Unsere Pflanzen trocknen einfach aus, werden sehr schnell braun und sterben ab, berichtet ein ecuadorianischer Bauer, der nur wenige Kilometer von der Grenze zum kolumbianischen Putumayo lebt und nicht namentlich genannt werden will: Wir wissen nicht, was wir tun sollen.
Bei einer Anwendung aus der Luft (die in den USA selbst nicht empfohlen wird) erreicht nur 5 bis 15% des Mittels seinen Bestimmungsort, der Hauptteil wird über naheliegende Ökosysteme verteilt. Obwohl das Besprühen sogar vom nordamerikanischen Rechnungshof Anfang diesen Jahres als gescheitert bezeichnet wurde, wird es von Kolumbien immer noch als effektive Maßnahme gegen den Drogenanbau verteidigt. Soziale Projekte und damit wirkliche Alternativen zum Kokageschäft fehlen bis heute. Stattdessen wird eine der artenreichsten Regionen Kolumbiens für längere Zeit verseucht. Die Halbwertzeit des Glifosats beträgt im Boden laut der nordamerikanischen Environmental Protection Agency (EPA) zwei Monate, laut anderer Studien in Kanada und Schweden bis zu drei Jahren. Restbestände des Wirkstoffs wurden in verschiedenen Obst- und Gemüsesorten nachgewiesen, die teilweise erst ein Jahr nach der Anwendung gesät worden waren. Glifosat ist weitverbreitet, hochlöslich und wird häufig bei Wasseruntersuchungen nachgewiesen. Das kolumbianische und ecuadorianische Amazonasgebiet, Ursprung zahlreicher Süßwasserquellen und reserven, ist besonders bedroht. Im Mai 2001 begann die zweite Phase im Putumayo, bei der sich die Probleme verschärften. Das neue Pestizid Roundup Ultra, das jetzt eingesetzt wird, enthält eine neue Kombination aus Glifosat in höherer Konzentration und weiteren Substanzen, die die biologische Wirksamkeit um das vierfache erhöhen. Untersuchungen über seine Umwelt- und Gesundheitsrisiken existieren bisher nicht. Roundup Ultra steht im Verdacht zahlreiche Krankheiten wie Atembeschwerden, Schäden im Zentralen Nervensystem und dem Magen-Darmbereich hervorzurufen sowie die roten Blutkörperchen zu zerstören. Die Folgen des massiven Herbizideinsatz sind nicht absehbar: Die gesamte Umwelt ist durch die Fumigaciones gefährdet: Flora, Fauna, das ökologische Gleichgewicht, die Wasserreserven, der Boden; was sich in Waldsterben, Erosion, Versiegen der Wasserquellen, Verlust des Artenreichtums, Verschmutzung und Lebensmittelknappheit ausdrückt, ist das Fazit von Mery García Vargas, Professorin für Krankenpflege an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá und ihrer Kollegin für pharmazeutische Chemie, Nubia Mejía García. Doch in Kolumbien ist es schwer, Kritik zu üben und auch gehört zu werden. Der alltägliche Krieg lässt Gesundheits- und Umweltbedenken in den Hintergrund rücken und bietet wie in vielen Konfliktgebieten eine Rechtfertigung für unmenschliches Leid und für unkontrollierte Umweltzerstörung. Dagegen existiert im Nachbarland Ecuador aktiver Widerstand gegen die kolumbianischen Fumigaciones: Im angrenzenden Amazonasgebiet von Ecuador existieren über 30% der Pflanzenarten des Landes, allein 235 von diesen sind endemisch, d.h. kommen ausschließlich in diesem Gebiet vor. Die Auswirkungen der kolumbianischen Herbizidausbringung bedrohen auch diese einmaligen Pflanzen sowie den gesamten Artenreichtum der so bedeutsamen Region. Die Bevölkerung im Norden von Ecuador ist direkt betroffen, denn Herbizidnebel kennt keine Grenzen. Laut einer Studie von Acción Ecológica, einer großen Umweltschutzorganisation mit Sitz in Quito, leiden alle Ecuadorianer, die bis zu fünf Kilometer von der kolumbianischen Grenze entfernt leben, an akuten Vergiftungen. Noch in 10 km Entfernung treten Fieber, Durchfall, starke Kopfschmerzen, Husten und Hautprobleme auf. Vor allem Kinder sind von den Vergiftungen betroffen, erklärt Lucia Gallardo, die bei Acción Ecológica arbeitet und für Biodiversität, Fumigaciones, Gen-Gemüse und Agroterrorismus zuständig ist (biodiversidad@accionecologica.org). Lucias Arbeit besteht vor allem auch in der Aufklärung der betroffenen Landbevölkerung. Denn diese ist an dem Thema sehr interessiert, seitdem ihre Pflanzen vertrocknen und Tiere sterben. Eine junge Frau aus der Kooperative Nuevo Mundo (Neue Welt), die nur zwei Kilometer von der Grenze entfernt lebt, beobachtet eine deutliche Zunahme der Belastung: Natürlich wurde immer mal Gift gesprüht, aber was wir jetzt erleben, ist etwas anderes. Wir haben es mit tödlichen Chemikalien zu tun und müssen Wege finden, dagegen vorzugehen. Wir werden sonst noch zu einem zweiten Vietnam.
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titel: Heft 2/2002 Ausgezeichnete ShrimpsSind Shrimps aus Ecuador, die wir so gerne genießen, ein überflüssiges Luxusprodukt oder ermöglichen sie den Menschen vor Ort ein gesichertes Auskommen? Wenn schon Shrimps, dann aber bitte mit Gütesiegel, fordern die einen. Umwelt- und Menschenrechtsgruppen in Ecuador sind dagegen der Meinung, dass auch bei der Shrimp-Zucht mit Zertifikat wichtige Ressourcen zerstört und die Rechte der lokalen Bevölkerung verletzt werden. Peter Gerhardt, Tropenwaldreferent von ROBIN WOOD, hat über diese Fragen mit Stefan Bergleiter von Naturland (N) und Gertrud Falk von der Menschenrechtsorganisation FIAN (F) diskutiert. ? Wie engagieren sich Naturland und FIAN im Bereich Shrimp-Zucht? ! N Naturland betreut seit drei Jahren ein Projekt zur ökologischen Shrimp-Produktion. Wir arbeiten dabei u.a. mit der FAO und dem WWF zusammen. Ich selbst bin Biologe mit dem Schwerpunkt aquatische Tropenökologie.
! F Fian ist eine Menschenrechtsorganisation, die vor allem für das Recht eintritt, sich zu ernähren. Wir arbeiten bereits seit 1997 kritisch zur Shrimp-Industrie und kooperieren dabei mit anderen deutschen NGOs wie Earthlink und Aktion Solidarische Welt (ASW) sowie mit Basisorganisationen in den produzierenden Ländern. Ich schreibe gerade meine Diplomarbeit als Politikwissenschaftlerin.
? Naturland zertifiziert Shrimps nach selbstentwickelten Kriterien. Das stößt bei Teilen der lokalen Bevölkerung auf Kritik. Kannst du uns am Beispiel Ecuador kurz erläutern, welche Punkte ihr für besonders bedenklich haltet? ! F Dazu muss man wissen, dass es anders als in Indien oder Thailand - Shrimp-Aquakulturen in Ecuador bisher nicht gab. Diese Industrie hat sich erst in den letzten beiden Jahrzehnten massiv über das Land ausgebreitet. Sie nimmt den Menschen den Boden weg und zerstört die Mangroven, beides Ressourcen, die von der lokalen Bevölkerung für ihren Lebensunterhalt dringend benötigt werden. Mit ihrem rücksichtslosen Vorgehen vertreibt sie die Menschen aus ihrem Lebensraum. Diese drängenden sozialen Probleme werden meines Erachtens von Naturland vernachlässigt. Unser Eindruck ist, dass die Menschen in den produzierenden Regionen diese Industrie nicht wollen. Auch ein Ökosiegel kann somit zur Verarmung beitragen. ! N Einen Punkt muss ich zunächst einmal klarstellen. Zum überwiegenden Teil geht die Zerstörung von Mangrove nicht auf das Konto der Shrimp-Industrie, sondern hat andere Ursachen. Nicht einmal 50% der Shrimp-Farmen weltweit sind auf Mangrovengebiet errichtet worden. Das unterstreicht auch eine aktuelle WWF-Studie. Die Naturland-Richtlinien schreiben vor, dass Farmen mit Naturlandzertifikat nicht die Muschelsammler und Fischer beeinträchtigen dürfen. Aber natürlich gibt es auch ausgesprochene Problemregionen in Ecuador und dazu zählt sicherlich Muisne, wo die Organisation Fundecol sehr aktiv ist. ! F Der Shrimp-Industrie sind weltweit bereits etwa eine Million Hektar Mangrovenwald zum Opfer gefallen. Das neue Angebot an Ökoshrimps adelt die gesamte Industrie und droht den Shrimpkonsum zu erhöhen, ohne ihn in vernünftige Bahnen zu lenken. An der Küste Ecuadors ist der Mangrovenwald Gemeingut. Wenn dort jetzt Shrimp-Farmen betrieben werden, kann die lokale Bevölkerung kaum an der gleichen Stelle Lebensmittel produzieren, oder? ! N Ich glaube kaum, dass der Konsum durch unsere Aktivitäten erhöht wird, schon alleine deshalb, weil wir nur einzelne, bereits bestehende Farmen zertifizieren. Richtliniengemäß liegen diese Farmen auf Salinasflächen, salzigem Steppengelände, das für die Nahrungsmittelproduktion ansonsten ungeeignet ist. In Esmeraldas ist die Situation allerdings kritischer und Naturland führt dort derzeit auch keine Zertifizierungen durch. ? Die Umweltkriterien von Naturland sind fundiert und werden von den Verbänden allgemein anerkannt. Die Sozialstandards sollen dagegen unterentwickelt sein. Zum Beispiel gibt es kein geregeltes Widerspruchsrecht. ! N Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Wir veranstalten runde Tische mit Wissenschaftlern und Organisationen vor Ort und sind grundsätzlich an allen Meinungen interessiert. Zudem sind unsere Richtlinien öffentlich und die zertifizierten Farmen werden jährlich kontrolliert. ? Runde Tische sind wichtig, aber die Kernentscheidungen fallen häufig woanders. Was steht konkret dazu in den Naturland-Richtlinien? Ist z.B. ein Beteiligungsverfahren verbindlich vorgeschrieben? ! N Nein, aber unsere Richtlinien enthalten ausreichend Kriterien zu sozialen Aspekten, wie z.B. den Arbeitsbedingungen auf den Farmen. ! F Was ist mit den Arbeitsbedingungen bei der Verpackung? Unsere Partnerorganisationen berichten, dass Frauen bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten müssen und ständig mit aggressivem Chlor in Kontakt sind. ! N Naturland richtet sich hier nach den IFOAM- (International Federation of Organic Agriculture Movements) Rahmenrichtlinien. Diese schreiben z.B. das Einhalten der ILO-Konventionen zur Arbeiterwohlfahrt sowie der UN-Charta für Kinderrechte vor. Der Chemikalieneinsatz wird ohnehin von den Naturland Verarbeitungsrichtlinien streng limitiert. ? In den Richtlinien ist kaum von Sozial- und Menschenrechten die Rede. Wäre es nicht viel glaubwürdiger, wenn ein Beteiligungsverfahren für die lokale Bevölkerung in den Naturland-Richtlinien festgeschrieben wäre? ! N Das ist eine interessante Anmerkung. Andererseits legen unsere Richtlinien ja gerade fest, dass keine Mangrovenflächen oder traditionelle Fischgründe beeinträchtigt werden dürfen, so dass diese Konfliktbereiche zuverlässig vermieden werden. ? Für die Verbraucher wäre das Zertifikat dann aber glaubwürdiger. Bei der Waldzertifizierung durch den FSC ist eine Beteiligung der Bevölkerung vor Ort übrigens verbindlich vorgeschrieben. ! N Ein Beteiligungs-Verfahren in diesem Bereich würde wahrscheinlich das Zertifizierungssystem überfordern. Anders als im Waldbereich, wo es um große, öffentlich genutzte Gebiete geht, zertifizieren wir hier private Farmen. Bei der FSC-Zertifizierung von privatem Waldbesitz findet übrigens zumindest bisher ebenfalls keine echte öffentliche Beteiligung statt. ! F Das ist genau ein Teil des Problems: Die KüstenbewohnerInnen Ecuadors haben die Erfahrung gemacht, dass traditionell gemeinschaftlich genutzter Mangrovenwald plötzlich und ohne, dass sie gefragt werden, privatisiert wird und Garnelenfarmen gebaut werden, die ihnen den Verlust der Mangroven in keiner Weise ersetzen. Deswegen wollen die Küstenbevölkerung und Umweltorganisationen die Shrimp-Industrie in Ecuador nicht. ! N Das stimmt nicht! Namhafte ecuadorianische Umweltorganisationen, wie die Fundación Yatun Sacha oder die Fundación Natura arbeiten, wie wir, an nachhaltigen Modellen der Shrimp-Produktion. Nur einzelne Interessengruppen, wie Fundecol, vertreten eine derart radikale Meinung. ! F Da muss ich widersprechen. Der Nationale Koordinationsrat für das Mangrovenökosystem, zu der sich viele Organisationen zusammengeschlossen haben, möchte die Shrimp-Industrie auch loswerden. ! N Das ist keine realistische Position. Diese Industrie bietet mittlerweile mehr Menschen einen Lebensunterhalt als das Fischen und Muschelsammeln. Die in diesem Sektor Beschäftigten sind eine ebenso wichtige Gruppe. ! F Im Vergleich zu einer Shrimp-Farm ernährt die gleiche Fläche Mangrovenwald um ein Vielfaches mehr Menschen. Die Arbeiterinnen in der Verpackungsindustrie werden schlecht bezahlt und bekommen meist keine Arbeitsverträge. Aus unserer Sicht ist es außerdem fragwürdig, dass Naturland in einem Umfeld zertifiziert, in dem die Korruption groß ist und die lokale Bevölkerung ihre Rechte oft nur mit Hilfe internationaler Organisationen durchsetzen kann. ! N Diese Aussagen zur Produktivität eines Ökosystems und zur Situation der Arbeiterinnen sind viel zu pauschal. Zum politischen Umfeld möchte ich anmerken: Wir gehen gerade auch in solche Bedingungen rein, denn unser System funktioniert unabhängig von der staatlichen Ordnung. Deshalb ist es für diese Initiative unerheblich, ob es korrupte Strukturen in Ecuador gibt. ? Sollten Shrimps aus Südamerika überhaupt mit einem Ökolabel geadelt werden? Der lange Transportweg ist doch alles andere als ökologisch. Es gibt doch auch eine leckere Alternative: Nordseekrabben! ! N Auch die Nordseekrabben sind ökologisch nicht unbedenklich, zieht man die enorme Beifangrate von bis zu 95 % mit in Betracht. Außerdem sind tropische Shrimps ein ganz anderes Produkt, das gerade für viele Entwicklungsländer eine große Bedeutung als Exportgut hat. ! F In Ecuador erwirtschaftet die Shrimp-Industrie zwar den zweit größten Anteil am gesamten Exportgewinn, sie trägt aber aufgrund der geringen Steuersätze mit höchstens 2 % zum Staatseinkommen bei. Die Shrimp-Industrie ist darüber hinaus für Entwicklungsländer nur deshalb ein lohnender Industriezweig, weil die Umweltprobleme und -kosten auf die lokale Bevölkerung abgewälzt werden. |
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