ROBIN WOOD-Magazin 3/94, S. 14
Erdölboom in Ecuador
Michaela Dräger, BerlinFördergebiet des Erdöls ist das feuchtheiße Amazonasgebiet: der Oriente. Dieser umfaßt knapp die Hälfte des nationalen Territoriums von Ecuador (280 000 km²). In den anderen Landesteilen sind bis auf geringe Erdöl- und Erdgasvorkommen im westlichen Tiefland keine Erdöllagerstätten bekannt.
Der Regenwald im Oriente weist mit die höchste Artenvielfalt der Erde auf. Der Tropenökologe Myers bezeichnet ihn als Epizentrum der Biodiversität. Allein im Yasumi-Nationalpark sind 12 000 Pflanzenarten, 600 Vogelarten, 500 Fischarten und 120 verschiedene Säugetiere bekannt. In der Seenlandschaft des Cuyabeno Nationalparks leben Kaimane, Süßwasser-Delphine, Amazonische Seekühe sowie verschiedene Affen- und Papageienarten.
Ein beträchtlicher Anteil dieser Regenwaldarten kommt nur in dieser Region des Amazonas vor. Die Eiszeit- Rückzugs-Hypothese erklärt dieses Phänomen: Der Regenwald soll während der Eiszeiten an den Abhängen der Andenketten im Gegensatz zum trockeneren Amazonasbecken ausreichend gute Wachstumsbedingungen aufgewiesen haben. Viele Arten zogen sich dorthin zurück, sind bislang aber nicht in den Amazonasraum zurückgewandert.
Wenn auch sehr viele Arten in diesem Lebensraum leben, so sind es doch immer nur sehr wenige Exemplare einer Art. Verschmutzungen sowie Verkleinerungen des Lebensraumes führen deshalb schnell zur Ausrottung einer Art (1).
Urwaldvölker und die Klage gegen TEXACO
Je nach Quellenangabe stellt die indianische Bevölkerung ein Viertel bis knapp die Hälfte der 13 Millionen Menschen zählenden ecuadorianischen Gesellschaft (2). Die Indios in den Anden wurden bereits vor 500 Jahren von den Spaniern unterworfen und gehören heute dort zu den ärmsten Bevölkerungsschichten. Im Gegensatz hierzu wurden die Indios im Regenwald des Oriente erst im 19. Jahrhundert durch brasilianische Kautschukbarone versklavt. Epidemische Krankheiten dezimierten die Bevölkerungszahl und bedrohten ihr Fortbestehen (3). Ihre Zahl wird heute mit 95 000 bis zu 250 000 Einwohner angegeben. Sie machen allerdings selbst bei einer großzügigen Schätzung nur noch die Hälfte der Bewohner des Amazonas aus (4).
Im Oriente leben acht verschiedene indigene Völker. Die größten unter ihnen sind die Quichua und Shuar. Die anderen sechs sind durch die vorläufig letzte Konquista des Erdölbooms in ihrer Existenz bedroht. Z.B. die Huaorani: Sie werden auch als Auka und damit als gefährliche Wilde beschrieben. Erst mit Beginn der Erdölförderung kamen sie in Kontakt mit der Zivilisation. Ihre Bevölkerungszahl ging seitdem durch Unterernährung und Krankheiten von 20 000 Menschen auf 1 500 Menschen zurück (5).
Besiedlung des Regenwaldes durch landlose Bauern
Seit 1972 kommen landlose Bauern auf der Suche nach Land und Überlebensmöglichkeiten in das Hochland des Oriente. Sie folgen den Erschließungsstraßen der Erdölförderung. Landwirtschaftliche Erfahrungen in Regenwaldgebieten haben sie nicht. Die Neusiedler roden den Regenwald für den Anbau von Grundnahrungsmitteln und Kaffee. Sie betreiben nicht die Waldgartenlandwirtschaft der amazonischen Völker. Diese nutzen über 200 verschiedene Pflanzenarten für ihre Ernährung, fischen und jagen in ausgedehnten Arealen. Sie haben den Regenwald über Jahrtausende genutzt, ohne ihn zu zerstören und haben eine amazonische Kulturlandschaft geschaffen, die sowohl dem Ökosystem als auch dem Menschen ein nachhaltiges Überleben geboten hat.
Durch die neuen Siedler kam es im Oriente bis 1990 zu einer Verdreifachung der Bevölkerungsdichte auf 3,3 Einwohner/km". Ein Indio benötigt aber 8 km" zum Überleben. Neusiedler haben also zur Übervölkerung seines Lebensraumes geführt. Die Erschließung durch die Siedler führte außerdem zur höchsten Entwaldungsrate in Südamerika. Illegale Landnahme durch die Siedler und die Erdölindustrie schädigten oder zerstörten bislang 50 Prozent des Regenwaldes in Ecuador (6).
Landbesitz und Nutzungskonflikte
Zwischen den Neusiedlern und den Tieflandvölkern besteht ein Nutzungskonflikt. Besonders die Huaorani weichen in Rückzugsgebiete aus. Aber diese Rückzugsgebiete werden durch Vergabe von neuen Erdölkonzessionen und weiteren Besiedlungen immer kleiner und damit ökologisch sowie ökonomisch wertloser. Seit 1970 unterstützt die Regierung die Kolonisten mit der Vergabe von Landtiteln. Den Ureinwohnern des Tieflandes hingegen wurden erst nach langwierigen Verhandlungen mit der Regierung Landrechte zugestanden. Der sozialdemokratische Präsidenten Borja erkannte in den 80er Jahren insgesamt 3 Millionen ha als indigenes Territorium an. Borja erklärte 1990 u.a. 620 000 ha als Territorium der Huaorani. Gleichzeitig bekamen die Neusiedler, die sich innerhalb des Stammgebietes der Huaorani entlang der Erdölstraße angesiedelt haben, von INCRAE (Institut für die Besiedlung Amazoniens) nachträglich die Landtitel zugesichert (7).
Indigene Selbstbehauptung
In Ecuador erstarkt das Selbstbewußtsein der indigenen Völker. Sie gründen nationale, regionale und kommunale Organisationen. Sie fordern eine Bodenreform, Landrechte, kulturelle Selbstbestimmung und die Umwandlung in einen Vielvölkerstaat. Aus diesem Anlaß begann am 11. 4. 1992 der 500 km lange Protestmarsch der indigenen Völker unter der Schirmherrschaft OPIP (Organisación de Pueblos Indígenas de Pastaza) und der CONAIE (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador). Der Demonstrationszug startete im Amazonasgebiet mit 500 Tiefland-Indianern. Er endete mit dem Einzug von 6 000 Indígenas des Tieflandes und der Anden in der Hauptstadt Quito (8).
Trotz Anerkennung einiger Territorien hat sich im Augenblick der Landkonflikt unter dem neu gewählten christdemokratischen Präsidenten Sixto Durán verschlechtert. Dieser beendete direkt nach der Regierungsübernahme die Bodenreformpolitik seines Vorgängers Borja. Im Juni 1994 wurde ein neues Gesetz zur Landreform verabschiedet. Es macht ausländischen Firmen und Großgrundbesitzern erstmalig möglich, Gemeinschaftsland der Indios zu erwerben. Dem Verkauf des Gemeinschaftslandes muß jetzt nicht mehr die gesamte Gemeinde, sondern nur noch eine einzelne Privatperson zustimmen (9). Die Verabschiedung dieses Gesetzes löste im ganzen Land, das eine extrem ungerechte Landverteilung zugunsten der Großgrundbesitzer aufweist, Straßenblockaden aus.
Die Gewerkschaften solidarisierten sich und riefen für den 21. 6. 1994 einen Generalstreik aus, nachdem Verhandlungen der CONAIE mit der Regierung scheiterten und der Ausnahmezustand über das Land verhängt wurde. Seitdem versiegen die Nachrichten über Ecuador für die bundesdeutsche Öffentlichkeit.
Ölrausch (10)
1967 werden TEXACO und GULF bei Lago Agrio im nördlichen Oriente, der Provinz Napo nach Erdöl fündig. Sie erhalten einen Fördervertrag bis 1992. 1972 beginnt der Export von Erdöl. Das Öl wird durch die 500 km lange transandine Pipeline, die zum Tankerhafen Balao bei Esmeraldas am Pazifik führt, gepumpt.
Die 70er Jahre sind die Boomjahre Ecuadors. Sie werden von einer vollständig desolaten Wirtschaftslage in den 80er Jahren abgelöst. So wie den fetten die dürren Jahre folgen, ist der Erlös aus dem Erdöl Segen und Fluch zugleich.
Seit 1974 lag der Erlös aus dem Erdöl nie unter 40 Prozent der Gesamtexporterlöse. In den 80er Jahre steigt sein Anteil sogar auf 73 Prozent (11). Die hohen Deviseneinnahmen wurden aber kaum in langfristige Entwicklungsprojekte, sondern vorwiegend für den schnellen Konsum verwendet. Die verfehlte Wirtschaftspolitik der 70er Jahre ist durch eine überbewertete Währung, rapide steigende öffentliche Ausgaben und Subventionen, u.a. für Benzin, sowie eine seit 1976 expandierende Kreditaufnahme im Ausland gekennzeichnet. Das angestrebte Ziel einer eigenständigen kapitalistischen Entwicklung wurde verfehlt.
Die wirtschaftliche Krise der 80er Jahre mit ihren Strukturanpassungsprogrammen und Stabilisierungsmodellen wurde u.a. durch Steuererhöhungen und eine restriktive Mindestlohnpolitik besonders für die unteren Bevölkerungsschichten schmerzhaft. Die Folge: Die Verelendung nahm neue Höchstmaße an (12).
Das Erdöl, das schwarze Gold, hat also nicht Wohlstand übers Land gebracht. Stattdessen führte die unsolide Wirtschaftspolitik, Rezession, Zinszahlungen und fallende Ölpreise zur enormen Auslandsverschuldung des Landes. Der Segen: Es ist noch genügend Erdöl vorhanden, um die Schulden zu bezahlen. Der Fluch: Ab 1982 wurden Konzessionen an internationale Ölgesellschaften wie OCCIDENTAL, EXXON, BRITISH PETROLEUM, CONOCO, ARCO, UNORAL, TENNECO, ORYX, ELF, MINOL, PETROCANADA vergeben. Diese erwirtschafteten die notwendigen Devisen, mit denen die Schulden beglichen werden können. Der Schuldendienst wurde fast ausschließlich von Einnahmen aus den Ölexporten getragen und war damit den Schwankungen des Weltmarktes bedingungslos ausgesetzt.
Wenn an der bisherigen Ausbeutungspraxis festgehalten wird, drohen am Ende: ausgebeutete Lagerstätten, ein ölverseuchter Regenwald, acht weitere in ihrer Existenz bedrohten Urvölker und ein Land, das versäumt hat, innovative Investitionen zu tätigen, um sich von den Petrodollars unabhängig zu machen.
Durch die von den indigenen Organisationen geforderten Mitspracherechte nach einer umweltgerechten Förderung fühlt sich der Staat provoziert. Neben den sattsam bekannten Argumenten der Zivilisationsfeindlichkeit soll erhöhte militärische Präsenz im Oriente eine aufgeklärte Bürgerbewegung in ihre Schranken verweisen.
Zur Verschärfung der Situation trug die Bananenpolitik der Europäischen Union bei und versetzte dem Land einen wirtschaftlich verheerenden Schlag. Ecuador ist der größte Bananenexporteur der Welt. Über drei Viertel der Bananen werden von kleinen oder mittleren Betrieben angebaut. Sie traf die Brüsseler Bananenquote vernichtend: 1993 wurden sechzigtausend Menschen arbeitslos. Vielen von ihnen landeten in den Slums der Hafenstadt von Guayaquil. Das Land verlor auf einen Schlag 125 Millionen US-$ an Deviseneinnahmen (13).
Die Abbaugebiete
Der Staat verfügt alleine über alle Bodenschätze, die in größerer Tiefe als 30 cm gefunden werden. Er vergibt Konzessionsflächen. Erst ab 1992 wurden Umweltgesetze etabliert, die die Belange der Bevölkerung und des Naturschutzes des Oriente beachten. Inwieweit die erst beginnende Umweltgesetzgebung ihrem Namen gerecht werden wird, und z.B. Bohrungen in Nationalparks strengeren Kontrollen unterzogen werden, bleibt abzuwarten.
Bislang sind für drei Millionen Hektar Land Konzessionen vergeben worden, 29 Produktionscamps fördern das schwarze Gold. Aus 300 Bohrlöchern werden täglich 283 000 Barrel Rohöl gefördert. Die großen Raffinerien liegen im Oriente bei Lago Agrio. Die bisherige Förderung konzentriert sich auf die Provinz Napo. Bei gleichbleibender Produktion rechnet man mit einer weiteren Förderung bis ins Jahr 2005. Dafür müssen zusätzliche 800 000 Hektar zur Konzession freigegeben werden, über die im Juli 1994 verhandelt wird. Bei positiver Beschlußlage wird sich die Erdölförderung in die südlich an Peru grenzende Provinz Pastaza verlagern.
Die Kosten: Umwelt- und Gesundheitsschäden
Schon die seismischen Untersuchungen der vermuteten Lagerstätten verursachen Schäden. Für die Erkundung wird bereits umfangreich gerodet. 9 000 Sprengungen wurden bisher durchgeführt, die Tiere in die Flucht treiben oder töten. Vor Beginn der Untersuchungen wird die dort wohnende Bevölkerung in der Regel nicht informiert. Ebensowenig wird bei der Wegeführung und den Stellen der Detonation Rücksicht auf Gärten, heilige Plätze oder Jagdgebiete genommen.
Der nächste vorbereitende Schritt der Erdölförderung ist eine Analyse des Öl-, Gas- und Wassergehalts. Für jedes Bohrloch werden zwei bis fünf Hektar Wald gerodet. Die Standortwahl erfolgt ohne Rücksicht auf vorhandene Besiedlung oder angelegte Gärten. Die ölhaltigen Abwässer und chemischen Zusätze werden in offene Sickergruben geleitet. Diese laufen nach tropischen Starkregen über. Toxische Abwässer gelangen direkt in die Flüsse oder können in das Grundwasser sickern. Das Trinkwasser kann vergiftet werden. Wie giftig diese Abwässer sind, zeigen die in den USA geltenden Analysevorschriften für die Erdöl-Abwässer. Danach müssen sie auf Aluminium, Arsen, Barium, Cadmium, Chrom, Kupfer, Magnesium, Quecksilber, Kohlenwasserstoffe (Benzole, Toluole), Salze (Sulfate, Nitrite) untersucht und entsprechend behandelt werden. Aus Ecuador liegen keine Analysewerte vor.
Neben der mehr oder weniger direkten Einleitung der Abwässer in das Ökosystem erfolgt eine weitere über die Luft. 159 600 Liter Ölabfälle werden pro Bohrloch ohne jegliche Filter oder Temperaturregelungen verbrannt. Die schwarzen Aschenregen vernichten im Umkreis der Bohrlöcher die Anbaukulturen.
Leckende Pipelines
Während der Produktion wird Öl und Gas hochgepumpt. Vor Ort wird das Gas abgetrennt und ungenutzt abgefackelt. Jeden Tag verbrennen ohne Emissionskontrollen 150 Millionen m3 Gas. Gleichzeitig importiert Ecuador Erdgas.
Das Öl wird nach dem Trennverfahren über Nebenpipelines nach Lago Agrio gepumpt. In der Hauptraffinerie findet die Aufbereitung statt. Dann folgt die Einspeisung in die transandine Pipeline. Bei dem Trennungsprozeß und der Aufbereitung entstehen jedes Jahr 20 Millionen Liter toxische Abwässer, die nur in offenen Gruben aufgefangen werden.
Die Konstruktion der Pipelines in dem erdbebenreichen Land ist mangelhaft. Aus den bislang 30 großen Lecks sind bereits 64 Millionen Liter Öl ausgelaufen. Verseuchte Erde wird nicht gesäubert. 1989 ergossen sich z.B. aus einem Leck 800 000 Liter in einen Zufluß des Rio Napo. Heftige Regenfälle verursachten eine Erdölflut. Uferbereiche wurden überschwemmt. Die Ernte von 560 Familien war ruiniert. Die nachfolgenden Ernten auf dem ölgetränkten Boden waren kärglich. Entschädigt wurde niemand.
Von 1972 - 1990 haben 72 Billionen Liter toxische Abwässer das amazonische Ökosystem in ein Ölsystem verwandelt. Öllachen, Ölseen, schwarze Flüsse, Ölklumpen in den Flußbetten und eine ölgeschwängerten Luft prägen das neue Landschaftsbild.
Gesundheitsschäden bei der Bevölkerung
Die umweltverschmutzende Erdölförderung hat 30 000 der Indígenas des Oriente gesundheitlich geschädigt (14). Die Bevölkerung leidet unter Hautausschlägen und Atembeschwerden. Genetische Veränderungen bei den Neugeborenen sind häufig. In Fördergebieten leiden 80 Prozent der Kinder an Unterernährung. Dieses Phänomen ist in bislang unberührten Gebieten unbekannt. Die Flüsse eignen sich nicht mehr zum Baden, sondern in einigen Fällen nur zum Verätzen der Haut. Regen wird in ehemaligen Ölbehältern als Trinkwasser aufgefangen. Die Anbaukulturen werden indirekt oder direkt vernichtet oder verseucht. Eine indianische Kulturlandschaft wird dem Öl geopfert.
Vertreter der indigenen Organisation CONFENIAE (Confederación de Nacionalidades Indígenas de la Amazonía Ecuadoriana) haben die für die Umwelt- und Gesundheitsschäden verantwortliche Ölfirma TEXACO in den USA auf Zahlung von Schadensersatz verklagt. Die Anklage beruft sich auf Mißachtung in den USA gültigen Umweltauflagen. Der Anklage wurde im Mai dieses Jahres stattgegeben. Sie ist von internationaler Bedeutung. In Zukunft würde bei Erfolg die Verlagerung umweltzerstörender Produktionsprozesse in Dritte Welt Länder unmöglich werden. Die Konzerne würden unabhängig vom Produktionsland nach der Gesetzgebung ihrer Stammländer beurteilt werden. Dies wäre ein Meilenstein in der nationalen sowie internationalen Umweltgesetzgebung.
Bislang sind noch intakte Gebiete vorhanden. Bei ihrem nächsten Ecuador-Besuch denken sie daran: das schwimmende Hotel Flotel Orellana, von dem Sie die tropische Schönheit auf dem Río Napo bewundern können, hat bereits einmal wegen Verödung des Lebensraumes seinen Ankerplatz verlegt (15).
[K1] Quellen:
- (1) KIMERLING, J. (1990): Amazon Crude; S. 33 (gekürzte deutsche Fassung bei Rettet den Regenwald, Hamburg erhältlich
- (2) NEUE ZÜRICHER ZEITUNG, 7. 3. 1992
- (3) NEUE ZÜRICHER ZEITUNG, 13. 7. 1991
- (4) SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 21. 10. 1993; TAZ 6. 11. 1993
- (5) NEUE ZEIT, 17. 2. 1993
- (6) HOFFMANN K.D.(1992): Ecuador; in: Nohlen, D. & Nuscheler, F.: Handbuch der Dritten Welt, Bd. 2, Südamerika; S. 340
- (7) NEUE ZÜRICHER ZEITUNG, 13. 7. 1991
- (8) FRANKFURTER RUNDSCHAU 25. 4. 1992
- (9) FRANKFURTER RUNDSCHAU, 24. 6. 1994
- (10) KIMERLING; J. (1992), (alle Angaben zur Förderungsmengen und den Umwelt- sowie Gesundheitsauswirkungen)
- (11) HOFFMANN, S. 355
- (12) HOFFMANN, S. 347
- (13) SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 29, Juni 1993
- (14) TAZ, 6. 11. 1993
- (15) NEUE ZÜRICHER ZEITUNG, 5. 3. 1992
ROBIN WOOD-Magazin 3/94, S. 20
Mochovce - nie d'akujem
Birgit Grimberg, BielefeldMartin Fejér (RG Berlin) und Birgit Grimberg (RG Bielefeld) sondierten im Juni Möglichkeiten einer Kooperation mit slowakischen UmweltschützerInnen zur Verhinderung des AKWs Mochovce. Das Kraftwerk mit vier sowjetischen 440-Megawatt-Reaktoren WWER 213 soll unter anderem von deutschen Konzernen fertiggestellt werden.
Mochovce existiert nicht mehr! Wunschtraum slowakischer UmweltschützerInnen - traurige Wirklichkeit, was das Dorf Mochovce betrifft. Manche Häuser stehen wie Skelette in wucherndem Grün, andere sind nicht mehr als ein Schutthaufen. Die Kirche, fensterlos zwar, aber in ihrer vollen Größe, wirkt wie ein Spielzeughaus vor der Front des AKW. Vier Kühltürme links aufgereiht, eine halbkilometerlange Turbinenhalle, zwei Reaktorhallen, Abluftschornsteine, vier Kühltürme rechts, der monströse Komplex zieht sich über zwei Hügel hin. Von außen fertig gebaut, strahlt er aber zur Zeit noch nicht.
Natasa Vdaiova, eines von zwei im Augenblick aktiven Mitgliedern einer Anti-AKW Organisation in Levice, der nächsten größeren Stadt bei Mochovce, will die Umwandlung in ein Gaskraftwerk bewirken. Sie versucht, die Bauarbeiter von dieser Möglichkeit zu überzeugen, die Bevölkerung vor Ort zu mobilisieren und mit der AKW-Leitung zu sprechen. Daß sie noch keinen Erfolg hatte, liegt wohl weniger an der Mitgliederschwäche der Organisation als an der geballten Macht von Konzernen wie Siemens /KWU, Bayernwerke und Electricité de France, die hier Profite machen wollen. Auch die Presse ignoriert die Aktivitäten der UmweltschützerInnen oder macht sie lächerlich, berichtet Natasa, die selber als Journalistin arbeitet. "Ich versuche, eine Umweltjournalistin zu sein", sagt sie. Allein auf weiter Flur.
Ermutigend ist, daß wenigstens direkt am AKW die Angst vor UmweltschützerInnen groß ist. Kaum am Gelände angekommen, wendet ein vorbeifahrendes Auto, um uns dem Wachpersonal zu melden. Wenige Minuten später springen vor uns zwei Uniformierte aus ihrem Geländewagen, machen sich Notizen und brüllen, daß man taub davon werden könnte. Als sie schließlich bemerken, daß wir nichts verstehen, fahren sie ratlos davon, um uns fortan mit dem Fernglas zu beobachten.
Greenpeace hat es schon geschafft, auf das AKW zu klettern. Davon berichtet uns Lubica Trubíniová im Greenpeace-Büro der slowakischen Hauptstadt Bratislava und davon, wie bei einer Aktion während einer Pressekonferenz von EDF und Bayernwerk der EDF-Vertreter einen hochroten Kopf vor Ärger bekam. Erfolge sind rar, aber es ist gut, zu wissen, daß man stört. Die Zeit drängt, denn wahrscheinlich fällt Ende September die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) ihre Entscheidung über die Kreditvergabe für Mochovce. Die EBRD will von der slowakischen Regierung die Zusage, den Schrottreaktor Jaslovské Bohunice stillzulegen. Lubica Trubíniová glaubt aber nicht, daß die Regierung sich an ein solches Versprechen halten würde. Wenn der Kredit erst einmal steht, verschwindet Jaslovské Bohunice höchstwahrscheinlich wieder aus dem Blickfeld. Auch die Greenpeace-Aktivitäten werden von der Presse nicht gutgeheißen: "Das sind die Leute, die gegen alles sind, die auch schon gegen das Staudamm-Projekt Gabcikovo waren." "Jetzt, wo der Staudamm gebaut ist, sollte Lubica lieber Gabcikovo fallen lassen, um der Öffentlichkeit dieses Argument zu nehmen", meinte auch eine andere Umweltschützerin. Auch in der Slowakei ist sich die Umweltschutzbewegung nicht immer einig!
Die Eisenbahnschienen, auf denen wir stehen, führen zu dem geplanten Zwischenlager in Mochovce. Es sollen nicht nur slowakische, sondern auch tschechische Brennstäbe aus dem Reaktor in Ducovany eingelagert werden. Von der Anhöhe der Bahnlinie aus haben wir einen guten Blick auf den AKW-Komplex. Die Wachleute aber auch auf uns. Mit Fernglas erscheint ein grün Getarnter auf den Schienen, während wir schon reglos im Gras liegen. Unsere Tarnung ist schlecht, sein Fernglas anscheinend noch schlechter. So können wir unsere Filme retten. Wenn das AKW genauso schlecht ist, wie seine Wachmannschaft, dann: "Gute Nacht!"
Auch nach Ausrüstung mit westlicher "Sicherheitstechnologie" würden die Reaktoren in Mochovce keine Betriebsgenehmigung in Westeuropa erhalten. Trotzdem bauen westliche Konzerne das AKW fertig und beziehen dann den Strom. Das Bayernwerk hat - wahrscheinlich, um KritikerInnen keine Angriffspunkte zu bieten - seine 25,5-prozentigen Stimmrechte an Mochovce an die EDF abgetreten, die Stimmenmehrheit liegt nun mit 51 Prozent in Frankreich. Das alles macht es der slowakischen Umweltschutz-Bewegung noch schwerer, die Fertigstellung von Mochovce zu verhindern. Und wie sieht es für die deutschen Konzerne aus? Ein weiteres AKW in Deutschland durchzubringen, stellt keine einfache Angelegenheit mehr dar. Was liegt da näher, als es in einem Land mit maroder Wirtschaft zu bauen und dann werbewirksam als Verbesserung des Sicherheitsstandards zu verkaufen?
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