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ROBIN WOOD-Magazin 3/96

  1. Kommunale Forstwirtschaft in Thailand - Neue Wege zu einer nachhaltigen Waldnutzung?
  2. Kamerun auf dem Holzweg
  3. Brandrodungen in Brasilien/Rückkehr der Brandrodungen

schwerpunkt: ROBIN WOOD-Magazin 3/96, S. 23

Kommunale Forstwirtschaft in Thailand

Neue Wege zu einer nachhaltigen Waldnutzung?

Christl Keßler, Reiner Scharzmeier, Freiburg

Landrechte und Wald ist im Moment eines der meist diskutierten Themen in Thailand. Seit Jahren kämpfen Dörfer, vor allem im Norden und Nordosten des Landes darum, ihre Wälder in eigenen Verantwortung bewirtschaften zu dürfen. "Ihre" Wälder ist dabei im Grunde schon falsch - die thailändische Gesetzgebung sieht weder kommunale Land- noch Nutzungsrechte an Waldflächen vor. Jetzt steht - zum wiederholten Male - ein neues Gesetz zur kommunalen Waldwirtschaft in Thailand vor der Verabschiedung - ein erster Erfolg einer Koalition aus Zusammenschlüssen von Dorfgemeinschaften, unterstützt von Akademikern und universitären Einrichtungen sowie NGOs, die den Dorfgemeinschaften beratend zur Seite stehen.

War vor etwa 30 Jahren noch 70 Prozent der Gesamtfläche Thailands mit Wald bedeckt, schrumpfte die Zahl bis Anfang der 90er Jahre auf ganze 24 Prozent. Kritische thailändische Umweltgruppen gehen sogar davon aus, daß lediglich 15 Prozent des Landes noch von ökologisch intaktem Naturwald bedeckt sind. Die ökologischen Folgen des Raubbaus an der Natur haben mittlerweile bedrohliche Ausmaße angenommen wie anhaltende Dürreperioden, gefolgt von Überschwemmungen weiter Teile des Landes, Flutwellen und Erdrutsche, Bodenerosion. 1989 erließ die Regierung ein totales Holzeinschlagverbot. Mit diesem "Logging Ban" reagierte sie auf einen Erdrutsch, der 1988 im Süden Thailands mehrere Dörfer zerstörte. Einige hundert Menschen kamen bei dieser hausgemachten Naturkatastrophe ums Leben. Doch auch das Holzeinschlagverbot hat den Waldrückgang nur kurzzeitig stoppen können.

Die Gründe für die Waldzerstörung sind vielschichtig. Die Schuld ausschließlich im Bevölkerungswachstum und dem steigenden Landbedarf landloser Bauern zu suchen, wäre nur die halbe Antwort. Einen nicht unwesentlichen Anteil an der Waldzerstörung hatte und hat eine Wirtschaftsstrategie, die auf Holzverkauf setzte, um den wirtschaftlichen Aufschwung anzuschieben, und damit eine Begünstigung großflächiger Kahlschläge durch Konzessionäre. Ehemals intakte Wälder wurden und werden absichtlich degradiert, um sie anschließend durch Eukalyptusplantagen zu ersetzen, Waldflächen wurden für exportorientierte Landwirtschaft gerodet, und letztendlich haben staatliche Infrastrukturmaßnahmen, allen voran die Staudammbauten viel Wald gekostet.

Staatlicher Waldschutz - ein erfolgversprechender Weg?

Man mag darüber streiten, wer den größeren Anteil an der Zerstörung der Waldressourcen hat. Eine der Hauptursachen liegt in den nicht gelösten Landrechts- und Nutzungsfragen. Sie sind der Grund für den ungeregelten Zugang zum Wald, für den sich niemand verantwortlich fühlt, außer der Königlichen Forstverwaltung (Royal Forest Department, RFD). Die Forstverwaltung ist der Aufgabe, die Wälder zu schützen und nachhaltig zu bewirtschaften, weder strukturell noch organisatorisch gewachsen. Formal unterstehen ihr Wälder auf über 50 Prozent der Landfläche Thailands - doch die stehen nur auf dem Papier. Denn viele dieser "Wald"-Gebiete sind seit Generationen besiedelt und werden landwirtschaftlich genutzt. Die königliche Forstbehörde will nun 40 Prozent der Landfläche Thailands wieder in Wald überführen. Hierzu hat die Regierung ein ambitioniertes "Wiederaufforstungsprogramm" beschlossen. Dieser Wald soll zu knapp zwei Dritteln aus "commercial forest" bestehen - hierzu zählen in erster Linie privat bewirtschaftete Holzplantagen. Ein weiteres gutes Drittel soll geschützt werden, hierunter fallen beispielsweise Nationalparks oder Wasserschutzgebiete.

Nach dem Verständnis der Forstverwaltung sollen die Wälder möglichst menschenleer sein, Waldschutz verträgt sich nach behördlicher Auffassung nicht mit Waldnutzung. Die Schuldigen für eine weitere Entwaldung sind demnach die Kleinbauern, auch die ethnischen Minderheiten der "Bergvölker", die traditionell im Wald leben. Folgerichtig tauchen immer wieder Pläne auf, die Menschen aus den Wäldern zu vertreiben. Heute leben mehr als 10 Millionen Bauern , teilweise seit Generationen in Gebieten, die vom Staat als "National Forest Reserve" klassifiziert wurden. Nationales Aufsehen hat ein Umsiedlungsprogramm erregt, in dem mit militärischer Unterstützung eineinhalb Millionen Menschen im Nordosten des Landes zwangsumgesiedelt werden sollten. Auf Druck von Bauern und NGOs und mit Unterstützung aus den Universitäten wurde das Programm 1993 gestoppt.

Das Gegenkonzept der ländlichen Bevölkerung

Das staatliche "Forstprogramm" wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Kritikpunkte beziehen sich vor allem auf fehlende Konzepte für nachhaltige Bewirtschaftsformen des Waldes, ein unzureichendes Einbeziehen der ländlichen Bevölkerung in Schutz- und Nutzungsfunktionen, das Beteiligen von privaten Großinvestoren an Wiederaufforstungen und die unzureichende Gesetzgebung bezüglich Formen einer kommunalen Waldbewirtschaftung.

Teilantworten auf die genannten Kritikpunkte könnte ein Gemeindewaldkonzept geben, das von Bauerngruppen mit Unterstützung von NGOs und wissenschaftlichen Einrichtungen engagiert vertreten wird. Ein Konzept, das, auch wenn es erst in letzter Zeit verstärkt diskutiert wird, in Thailand nicht neu ist. Tatsächlich gibt es vor allem im Norden und Nordosten traditionelle Bewirtschaftungsformen für kommunale Waldflächen. Auch wenn sie, wie beispielsweise die sogenannte "Muang Fai"-System im Norden weniger den Waldschutz als eine geregelte Wasserversorgung in Wassereinzugsgebieten zum Ziel haben, bieten sie interessante Ansatzpunkte für ein neues, den aktuellen sozio-ökonomischen und politischen Entwicklungen angepaßtes Gemeindewaldkonzept.

In diesem Konzept werden sowohl Waldschutzfunktionen als auch eine Nutzung der "Waldprodukte" vereint. Dabei werden in erster Linie Nichtforstprodukte wie Pilze Knollen, Medizinalpflanzen, Früchte oder Brennholz (Totholz) für den Eigenbedarf entnommen. Genehmigungen dafür müssen von den gewählten dörflichen Waldkomitees eingeholt werden, die für den Schutz der Gemeindewälder zuständig sind.

Die strengen Nutzungsbeschränkungen haben verschiedene Ursachen. In erster Linie hat die von der Landwirtschaft abhängige ländliche Bevölkerung unter dem Eindruck von Wassermangel, Dürren in Trockenzeiten und Überflutungen in der Regenzeit, Erosionsschäden und Veränderungen des lokalen Klimas begonnen, den Wald "neu zu entdecken". Die Holznutzung stand dabei nicht an erster Stelle.Ein weiterer wichtiger Punkt ist der "Beweisdruck" der Dorfbewohner gegenüber staatlichen Behörden. Erst wenn sie nachweisen können, daß sie in der Lage sind den Wald zu schützen, können sie darauf hoffen, auch in Zukunft die Flächen und damit "ihren" Wald zu behalten.

Die Gemeindewälder als "Commercial Forest" zu bezeichnen, würde ihnen also bei weitem nicht gerecht werden - sie werden im Gegenteil, vor allem im Nordosten als ein Gegenkonzept zu kommerziellen Wiederaufforstungen mit schnellwachsenden Bäumen, wie Eukalyptus, gesehen. Aber auch in das strenge Schutzkonzept passen Gemeindewälder nicht - Nutzung von Forstprodukten ist ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes, der Wald leistet einen nicht unwesentlichen Beitrag zur dörflichen Ökonomie.

Gemeindewälder wurden bislang nur von den lokalen Büros der Forstverwaltung akzeptiert, eine rechtliche Grundlage von staatlicher Seite fehlt. Neben teilweise ungeklärten forst- und landrechtlichen Fragen besteht vor allem das Problem, daß die Gemeinden so keine vertraglichen Vereinbarungen treffen können, die sowohl nach innen als auch außen Verantwortlichkeit und Nutzungsrechte festlegen. Es ist zudem ungeklärt, durch wen und in welcher Form eine Nutzung der Gemeindewälder stattfinden kann. Ein besonderes Problem stellt die Ausweisung von Gemeindewäldern in Gebieten mit hoher Schutzpriorität wie Wasserschutzgebieten oder Nationalparks dar.

Der erste Schritt? - eine Gemeindewaldgesetzgebung

Auch wenn viele Fragen noch offen sind, ist die zur Zeit diskutierte Vorlage zu einer Gemeindewaldgesetzgebung ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die königliche Forstbehörde wollte Gemeindewälder ursprünglich nur als kommerzielle Forste definieren - dies hätte den Eukalyptusmonokulturen einzelner "Dorffürsten" wieder Tür und Tor geöffnet; eine Nutzung in Schutzgebieten hingegen wollte sie nicht zulassen. Hierin spiegelt sich die alte Philosophie, daß Waldschutz nur ohne Menschen möglich ist.

Doch nun wurden die Schutzfunktionen im kommerziellen Forst betont, und in Schutzgebieten kann auch Gemeindewaldstatus beantragt werden - allerdings gibt es hier stärkere Nutzungsbeschränkungen. Auch eine geregelte Holznutzung ist tabu, außerhalb der Schutzgebiete jedoch im Bereich des Möglichen. Gerade für die ländliche Bevölkerung, die vom Wirtschaftsboom Thailands am wenigsten profitiert hat, könnte die nachhaltige kommunale Holzwirtschaft eine wirtschaftliche Alternative zur Abwanderung in die Städte bilden - und somit ein weiterer Anreiz, Wald zu schützen. In den armen Regionen Thailands suchen bis zu 90 Prozent der Arbeitskräfte zumindest saisonal in den industriellen Zentren des Landes nach Arbeit, weil das Einkommen in der Landwirtschaft nicht ausreicht. Voraussetzung für eine solche Holzwirtschaft sind langfristig abgesicherte Rechte der Dörfer an der Waldnutzung - ohne sie wird das Interesse an einer langfristig nachhaltigen Bewirtschaftung kaum wachsen können.

Fallbeispiel Giao Muang

Giao Muang ist ein Dorf im Norden Thailands in der Provinz Nan. Es wurde 1933 erstmals offiziell registriert. Hauptgrund für den Ort der Siedlungsgründung war der Wald, der eine gute Wasserversorgung garantierte und ausgezeichnete Sammel- und Jagdmöglichkeiten bot, sowie der Boden, der für den Bergreisanbau geeignet war.

1973 fällte ein Holzunternehmen alle großen Bäume im Wald. Der übriggebliebene Wald wurde dann nach und nach für landwirtschaftliche Flächen gerodet. Für den Waldschwund machen die DorfbewohnerInnen die wachsende Bevölkerung verantwortlich. 1977 gab es 30 Haushalte, 17 Jahre später wurden 80 registriert.

Doch die Rodungen hängen auch mit dem vermehrten Anbau von Marktfrüchten zusammen. Anfang der Achtziger begannen die ersten Familien mit dem Maisanbau. Mittlerweile pflanzt jede Familie Mais. Fast alle bauen zusätzlich andere Marktfrüchte an, vor allem Mungbohnen.

Einst war der Reichtum an altem Wald Grund für die Besiedlung - 1974 gab es im Gebiet von Giao Muang so gut wie keinen Wald mehr. Plötzlich war die Dorfbevölkerung mit schweren Wasserproblemen konfrontiert. Außerdem fiel der Wald als Lieferant von Gemüse und Medizinalpflanzen sowie gelegentlicher Jagdbeute aus. Nachdem die Menschen im Dorf festgestellt hatten, wie die Entwaldung den Wasserhaushalt beeinflußt, etablierten sie 1975 den Gemeindewald von 5000 rai ( 800 ha).

Heute hat dieser Gemeindewald, durch Schenkungen der Dorfbevölkerung gewachsen, eine Fläche von 15.000 rai (2400 ha). Nach Dorfgesetz darf kein Holz geschlagen werden. Das ganze Dorf ist in Nachbarschaftsgruppen eingeteilt, die für einen Teil des Waldes verantwortlich sind. Die Gruppen bestimmen Vertreter für das Waldkomitee, das die Nutzung und den Schutz des Waldes koordiniert, Sanktionen und Nutzungsgenehmigungen erteilt. Vorangetrieben wurde die Etablierung des Waldes auch durch die Initiative eines buddhistischen Abtes, der aus Giao Muang stammt. Er initiierte Zeremonien zum Schutz des Waldes, in denen Bäume stellvertretend für den Wald ordiniert und damit für den Einschlag tabu wurden. Weitere Unterstützung erhält das Dorf von einer lokalen NGO. Das Dorf will die Anerkennung als Gemeindewald und dauerhafte Nutzungsrechte auf dem Land, das im Moment immer noch "National Forest Land" ist und formell unter der Verwaltung der königlichen Forstbehörde steht.


tropenwald: ROBIN WOOD-Magazin 3/96, S. 26

Kamerun auf dem Holzweg

Renate und Ulrich Pfaff, INKOTA; Berlin

Kamerun schlägt alle afrikanischen Rekorde bei der Abholzung des tropischen Regenwaldes. Bis zum Jahr 2000 soll das Land der größte Holzexporteur Afrikas werden. Damit will sich der hochverschuldete Staat sanieren. Die nationale Bourgeoisie sägt und sägt, und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hat die Hand mit an der Säge - an der deutschen Säge übrigens. Unter dem Druck der Weltbank ist das Forstrecht halbherzig revidiert worden. Es gibt Unruhen unter den Politikern und in Dorfgemeinschaften. Die Umwelt-Bewegungen bleiben stumm, nur die kameruner Öko- Guerilla versucht, Widerstand zu leisten.

Wir fahren auf der Straße in einer Stunde von Douala nach Edea und zählen an diesem Morgen 38 entgegenkommende "grumiers". So heißen die meist deutschen Holz-Transporter. Im Volksmund sind das wegen der Masse, die sie bewegen, "les éléphants de la piste", die Ungeheuer auf der Straße. Sie werden gerne mit hohem Tempo gefahren und mit eingeschaltetem gelben Warnblinklicht - es eilt. Hie und da erinnert eine in den Straßengraben gekippte Fuhre von Urwaldriesen an Unfälle, die bei der Raserei passiert sind.

Grünes Gold

In Kamerun sind die Erdölvorkommen vor der Südwestküste bald erschöpft. Ihr Ertrag geht Jahr um Jahr zurück. Entsprechend wächst der Druck auf die Ressource Regenwald, das grüne Gold. Kamerun hat im Moment noch viel davon. Heute sind noch 38% des Landes von Wald bedeckt (FAO). Vor ein paar Jahren waren es noch um die 50%. Im Januar 1994 gab es eine 50%ige Abwertung der Landeswährung CFA-Franc. Zu diesem Termin haben sich die Auslandsschulden des Staates auf umgerechnet neun Milliarden DM verdoppelt. Die Schulden sollen mit den Einnahmen aus den Steuern und staatlichen Lizenzen abgetragen werden, die bei der großangelegten Abholzung anfallen.

Die Holzgewinnung läuft auf vollen Touren. Nach der Statistik des offiziellen SEPBC (Service d'Exploitation du Parc a Bois au Cameroun, einer Art Holzbehörde) hat sich der kameruner Export von Stämmen in den ersten sieben Monaten 1994, also gleich nach der Franc-Abwertung gegenüber dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres um 116 % erhöht. Die illegal über die kameruner Kongo-Grenze transportierten Hölzer sind hier nicht mitgerechnet.

Wird der Wald den langersehnten wirtschaftlichen take-off, den Aufschwung, bringen? Der kameruner Staatschef Paul Biya glaubt das. Er erklärt, daß sich nur noch "die Ausbeutung des Waldes als potentielle Devisenquelle erweist, die unsere Kampagne zur Wiederbelebung der Wirtschaft stützt". Der kameruner Wald biete große Möglichkeiten, die noch viel zu wenig genützt würden. Hier liege die entscheidende "Voraussetzung des Fortschritts"

Bei Prostatabeschwerden und gegen Aids

Der Biologe Tessa in Bfoussam nennt diesen Wald "une pharmacie immense", eine einzige Apotheke. Er kennt und vertreibt in Kamerun einiges davon, z. B. Yohimbin, das einzige Aphrodisiakum mit nachweisbarer medizinischer Wirkung. Er findet es arrogant, wenn die europäische pharmazeutische Industrie "mal wieder was `entdeckt` und gleich noch für sich patentieren läßt, womit wir Kameruner schon immer gelebt haben." Eine neue Entdeckung ist des Ancestro claudus korupensis, den uns Christopher Fominyam, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Botanischen Garten von Limbe, stolz vorführt. Diese Pflanze könne bei der Behandlung von AIDS eine wichtige Rolle spielen. Ernennt sie schmunzelnd den "Millionenbaum".

Über die schonende Nutzung hinaus geht die pharmazeutische Ausbeutung von Pygeum africana. Seine Rinde soll für die Herstellung einer Medizin zur Behandlung von Prostata-Beschwerden unentbehrlich sein. Von 35000 Bäumen werden pro Jahr 2000 t Rinde abgeschnitten für den Export in die Industrieländer. Die UNESCO sah sich inzwischen gezwungen, vor einer Ausrottung des kameruner Baumes zu warnen. Daraufhin hat das kameruner Umweltministerium den Baum unter besonderen Schutz gestellt, den Kamerunern die industriell-komerzielle Nutzung verboten und die Lizenz einer einzigen französischen Firma mit dem Namen Plantecam erteilt. Das wird bei der Opposition natürlich als systemtypische neokoloniale Begünstigung verstanden, die die Ausrottung des Baumes nicht aufhält. Die französische Firma macht das jetzt eben ganz alleine.

Die sich das grüne Mäntelchen umhängen ...

Die Ausbeutung des kameruner Regenwaldes mit seiner enormen Artenvielfalt geschieht hochgradig selektiv. Von den 300 nutzbaren Holzsorten werden nur die 15 verschiedenen Hölzer ausgebeutet, nämlich jene, die in Europa bei Kleiderbügeln, Klodeckeln, Fensterrahmen, Gartenbänken und Särgen gerade Mode sind. 53 % aller exportierten Baumstämme sind Ayou und Sapelli. Bei dieser selektiven "Extraktion" wird praktisch der ganze Wald zerstört: Bis zu 70% gehen dabei drauf.

Die Holzfirmen versuchen, vor der kameruner und der Weltöffentlichkeit ihren Ruf mit Hilfe von angeblich unabhängigen Regenwald-Forschungsinstituten zu retten. Wir haben zwei davon besucht: API (Amenagement Pilote Integre der Dimako, in Deutsch etwa: Pionierprojekt Integrierte Waldbewirtschaftung) im Osten des Landes und TROPENBOS (Tropenwald) in Kribi an der Atlantikküste. Diese Institute sollen Mithilfe von lokalen Untersuchungen sozial und ökologisch verträgliche Strategien der Tropenwaldnutzung entwickeln. Die kameruner Regierung ist an beiden Instituten beteiligt, indem sie wissenschaftliches Personal stellt. Die Kooperation mit ausländischen Holz-Firmen ist augenfällig. Das Institut API liegt nicht irgendwo auf neutralem Gebiet, sondern ausgerechnet in den Gebäuden der berüchtigten Holzfirmen SFDI (Société d'Explotation Forestiére du Noun) in Dimako. Dieses Institut hatte schon bald einen kameruner Mitarbeiter entlassen, weil er sich im Rahmen seines wissenschaftlichen Themas "Interaktion Mensch/Wald" zu sehr für die Lage der traditionellen Waldbewohner und -anwohner interessiert hatte.

Zu Besuch bei TROPENBOS, dem anderen Institut in Kribi, sahen wir das europäische Personal der Holzfirma WIJMA aus- und eingehen. Auch dieses wissenschaftliche Institut steht in dem Ruf starker Abhängigkeit und soll im Grunde - genau wie API - die existierende Praxis der "exploitation forestiere", der Waldnutzung, wissenschaftlich verteidigen.

Vergleichbares geschieht in Deutschland, wenn ausgerechnet der wegen illegalen Holzeinschlags und entsprechender Millionenschulden im Kongo belastete Bremer Holzhändler Hinrich Stoll öffentlich für den Schutz der Tropenwälder zu kämpfen vorgibt (Nach Focus Nr. 6/1994). Er hat den Vorsitz der Berliner "Initiative Tropenwald" (ITW), die sich für die Einführung eines Zertifikates für "naturverträglich geerntetes Tropenholz" einsetzt. Das geplante Öko-Label wird von der Kampagne "Rettet den Regenwald" als "der große Bluff" bezeichnet. Nach Angaben der Internationalen Tropenholzorganisation ITTA stammen bis heute fast 100% des importierten Tropenholzes aus Primärwäldern. Der VDH-Verband deutscher Holzeinfuhrhäuser - hatte bereits 1989 erkannt; "Eine strikt gehandhabte Nachweispflicht würde zu einem vollständigen Importverbot für Tropenholz führen." Der ganze Zertifizierungswahn könne nur als Ablenkungsmanöver verstanden werden, schließt der Regenwald-Report 1/95.

Noch 1990 hatten wir in Kamerun mindestens ein halbes Dutzend deutsche Holzfäller-Firmen entdeckt. Die sollen sich aber inzwischen zurückgezogen haben, wie - sichtlich erleichtert - BRD-Botschafter Nöldecke bestätigte. Haben die konkurrierenden Franzosen mit all den guten Beziehungen zur Bourgeoisie ihrer ehemaligen Kolonie Kamerun langfristig die besserer Karten? Oder haben Tropenholz-Boykottkampagnen in Deutschland ihnen den Ruf und das Geschäft verdorben?

Im Jahre 1994 kontrollierten französische Unternehmen die kameruner Holzbranche zu 71%. Deutschland kommt in der Statistik der ersten 16 Länder, die verarbeitetes Holz aus Kamerun beziehen, nicht mehr vor. Bei den unbearbeiteten, rohen Stämmen steht die BRD gerade noch an 5.Stelle.

Die deutsche Seite gibt sich seit den letzten offiziellen kameruner Wahlfälschungen bedeckt. Das kameruner Volk weiß, daß die Bundesregierung aus Protest gegen diese Ereignisse im Jahre '92 bis heute keine neuen Zusagen im Rahmen der finanziellen Zusammenarbeit bzw. Entwicklungshilfe an Kamerun mehr gemacht hat. Das erweckt nicht nur Bedauern, sondern wird von der meist pro-deutschen Opposition als verdiente Sanktion gegen ihren politischen Gegner verstanden. Der tröstet sich damit, über private bzw. NGO (Nicht-Regierungs- Organisation)-Kanäle wie den CIPCRE (Cercle International pour la Promotion de la Création) doch noch an ein paar heißbegehrte D-Mark heranzukommen.

Die stummen Umweltschützer

Der CIPCRE in Bafoussam ist Kameruns offizielle Umweltschutz-Organisation. Zu ihr fließen europäische Gelder zur Unterstützung ihrer Arbeit. Allerdings macht die Organisation weniger mit Erfolg als mit peinlichen Veröffentlichungen auf sich aufmerksam. So feierte CIPCRE in seinem Umwelt-Magazin "A l'Affut" (Auf der Lauer) vom Dezember 1994 ausgerechnet den Sultan von Fumban, prominentes Mitglied der Regierungspartei, mit einem Farbphoto auf der Titelseite und einem umfangreichen Interview als Umweltschützer. Der beklagte sich da über die verantwortungslosen dummen Leute in den Dörfern, die den Wald zerstörten. Über das Holz-Untermehmen des Sultans im Dschungel hinter Masanga wird geschwiegen. Ein Schweigen, das sich bei FONGEC, dem Netzwerk einiger kameruner Umweltgruppen mit Sitz im gleichen Haus wie CIPCRE, fortsetzt. FONGEC ist eine Gründung der CIPCRE und steht wie dieser unter personellen, finanziellen und politischen Abhängigkeiten.

Da wird der Gouverneur und dieser Kommissar und jener Inspektor in den CIPCRE eingeladen und in aller Öffentlichkeit dicke Freundschaft mit den Repräsentanten des Establishments und der Staatspartei gepflegt. Die politische Nähe wird mit häufigen Höflichkeitsbesuchen und üppigen Geschenken demonstriert. Jene revanchieren sich zwischendurch mit einer sirenenheulenden und blaulicht-blinkenden Sicherheits-Wagen- Eskorte als Ehrengeleit für die CIPCRE-Leitung.

Die kameruner Regierung hat auf Antrag des CIPCRE vier Beamte vollzeitlich "zur Mitarbeit" plaziert. So kann das zuständige Ministerium mit seiner uneingeschränkten Weisungsbefugnis gegenüber den vier Beamten die NGO wirksam kontrollieren und ist stets bestens informiert. Die kameruner Umweltgruppen um CIPCRE und FONGEC haben sich mit ihrem strengen nationalen Status selbst gefesselt. In Wirklichkeit haben sie wenig Rückhalt in der kameruner Bevölkerung und sind für die wichtigsten Zielgruppen irrelevant oder gar suspekt.

Ehrlicher auftreten und mehr riskieren können Umwelt-NGOs, wenn sie sich anstelle der formellen nationalen Anbindung einen international "freischwebenden" Status zu legen und so etwas wie "Off-shore-NGO's" würden. Dafür gibt es ermutigende Beispiele wie SALID, eine kameruner NGO, die ländliche Selbsthilfe- Initiativen berät und unterstützt. Sie hat ihren formalen juristischen Sitz in die Schweiz gelegt. So konnte es sich SALID erlauben, mit ihrer Bauernzeitung "La Voix du Paysan" Nr. 33 vom Oktober 1994 auf sechs Seiten ausführlich Position zu beziehen und die Vernichtung des kameruner Regenwaldes, mit der nur ein paar Reiche noch reicher werden sollen, im ganzen Land offen anzuprangern. Aufgrund des formal internationalen Status hat die staatliche Zensur nicht einmal den Versuch gemacht, die SALID-Publikation zu verhindern.

Das neue Forstrecht als öffentliches Ärgernis

Ab 1992 hat die Weltbank mit ihrem neu erwachten Umweltbewußtsein Druck auf Kamerun ausgeübt und eine Revision des Forstrechts verlangt. Kamerun sollte mir der Novellierung soziale und ökologische Richtlinien einführen und eine bessere Kontrolle der industriellen Waldnutzung garantieren.

1994 hat der kameruner Staatschef unter dem Druck der Weltbank ein neues Forstrecht vorgelegt. Es wurde die totale Staatskontrolle über fast alle Wälder festgeschrieben zu Lasten der traditionellen Waldbewohner und - anwohner. Diese werden mit drastischen Strafen bedroht, wenn sie am seit Jahrhunderten gewohnten, aber nach dem neuen Forstrecht plötzlich verbotenen, Ort Holz holen für ihren täglichen Bedarf. Die Geldstrafen für illegalen Holzeinschlag im großen Stil sind dagegen harmlos und stellen für die Unternehmer aus der Branche geradezu eine Verführung dar, wie ein kameruner Ministerialbeamter versichert.

Bei der Vorlage des revidierten Forstrechts ist etwas völlig Neues im Parlament passiert, das aus der Einheits- bzw. Staatspartei samt einigen kleinen, gleichgeschalteten Parteien der Scheinopposition besteht: Es gab öffentlichen Einspruch gegen diese Novelle Noch sind die Opponenten von innen in der Minderheit. Das Gesetz wurde mit der Mehrheit der "anderen" verabschiedet. Die Umwelt-NGOs allerdings waren weder von oben in die Debatte einbezogen worden noch hat eine von ihnen bei der Novellierung des kameruner Forstrechts sich zu Wort gemeldet. Einmal mehr herrschte unter ihnen "das Schweigen zum Walde", zu den öffentlichen Skandalen im Regenwald, die nicht enden wollen.

Fred Pearce hat im New Scientist einen fatalen Deal zwischen Frankreich und Kamerun aufgedeckt: Frankreich hat angeboten, die sechs Milliarden offiziell zugegebener kameruner Franc-Schulden (FF) um 50% zu reduzieren dafür, daß Kamerun als Gegenleistung den französischen Firmen in Kamerun noch mehr Sonderrechte bei der Regenwaldabholzung einräumt. In der Sprache der Entwicklungsexperten könnte man sagen: "Debt for destruction of nature swap" statt der sonst üblichen Strategie, Schulden als Gegenleistung für Naturschutz zu erlassen, im Jargon: "Debt for nature swap."

Es regt sich Widerstand

Der Regionalpolitiker Dr. Alber Mbida aus dem Gebiet Nyong und Mfoumou im Osten des Landes war im Juni '94 der Held der Oppositionspresse, als er offiziell zumindest geduldete "Plünderung, Täuschungsmanöver, Rechtsbruch und Wilderei in unseren Wäldern" beschrieb und beklagte.

Im gleichen Jahr kamen Petitionen aus dem Osten des Landes, wo die Leute am ärmsten sind und wo die Abholzung noch ärmer macht. Ganze Dörfer haben revoltiert, leider ohne die geringste Unterstützung der Umwelt-NGOs. So konnten die Aufstände von den "Ordnungskräften", wie sie im Lande heißen, niedergeschlagen werden, ohne im Land und international aufsehen zu erregen. noch nicht erledigt ist der nächste Fall.

Hinter Nkongsamba "auf der Straße nach Süden" fällt uns ein abgebrannter LKW mit Stämmen auf. Auf derselben Strecke treffen wir am gleichen Tag auf einen zweiten Holz-LKW, der genauso aussieht. Wir befragen Passanten, die Auskunft geben, daß man so etwas in letzter Zeit häufiger sieht. Denn noch eine andere Art des Widerstands regt sich im Land: Es kommt vermehrt zu mysteriösen Bränden der Holz-LKW. Eine kameruner Widerstandsbewegung hat die Verantwortung für die LKW-Brände übernommen. Sie wird Öko- Guerilla genannt. Wird in Kamerun eines Tages um den Regenwald gekämpft werden?

Renate Pfaff, Sozialarbeiterin, engagiert sich bei der Internationalen Liga für Menschenrechte in Berlin. Sie ist verheiratet mit Ulrich Pfaff, Sozialarbeiter und Diakon, der bei INKOTA, dem ökumenischen Netzwerk in Berlin, im Bereich "Umwelt und Entwicklung" mitarbeitet. Die beiden waren 1993 bis '95 als ökologische Berater/in in Kamerun und haben seit 1968 insgesamt acht Jahre lang in Gebieten des west- und zentralafrikanischen Regenwaldes gelebt.


tropenwald: ROBIN WOOD-Magazin 3/96, S. 29

Brandrodungen in Brasilien/Rückkehr der Brandrodungen

Die brasilianische Amazonaspolitik schützt weder Indianer noch Natur

Helmut Hagemann, Urgewald, Bonn

Wenn eine Politik nach den praktischen Entwicklungen bewertet werden kann, so hat die brasilianische Amazonaspolitik versagt. 1995 nahm die Zahl der Brandrodungen wieder drastisch zu und der räuberische Tropenholzeinschlag weitete seine Fronten aus. Im Juli waren 39.900 Brände in Brasilien geortet worden - fünfmal mehr als im Juli 1994 (8.500). Über fünf Millionen Hektar Wald sollen 1995 in ganz Amazonien verloren gegangen sein. Für rund 70 Prozent der Entwaldungen sind Großgrundbesitzer verantwortlich. Auch die Lage der Ureinwohner der größten Regenwaldregion hat sich nicht verbessert: die Regierung hat die rechtlichen Voraussetzungen für die Vergabe von Landtiteln an die Indianervölker Amazoniens erheblich verschlechtert. Gegenüber den vergangenen Jahren ist dies ein drastischer Rückschritt.

Als Ursache der verstärkerten Entwaldungen wird häufig die Konjunkturbelebung genannt. Dementsprechend träfe die Regierung in Brasília keine direkte Verantwortung. Günstig scheint auf jeden Fall die politische Konjunktur für die Großgrundbesitzer zu sein, ist doch der Umweltminister ein enger politischer Verbündeter in Amazonien. Und bei näherer Betrachtung werden auch weitere direkte Verantwortlichkeiten der brasilianischen Politik erkennbar.

Ende 1994 lockerte die brasilianische Regierung die ökologischen Auflagen, die das nationale Waldgesetz beinhaltete, wesentlich. Die bis dahin vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung und Umweltberichterstattung für Waldnutzungsvorhaben entfielen, sofern die Vorhaben die beträchtliche Größe von 2.000 Hektar nicht überschritten. Information und Anhörung der Öffentlichkeit waren damit auch ausgeschlossen. Kleine und mittlere Betriebe wurden außerdem von der Pflicht enthoben, der Umweltbehörde einen Bewirtschaftungsplan vorzulegen. Die Lockerung der Umweltauflagen scheint insbesondere Viehfarmen, Forstbetriebe, Bergbaubetriebe und Straßenbau zu begünstigen. Die von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen heftig kritisierte Maßnahme kam Forderungen der brasilianischen Rohstoffwirtschaft nach einer Abschwächung des Waldgesetzes entgegen.

Das Planungsministerium stellte 1994 durch die offizielle Entwicklungsbank BNDES ein Kreditvolumen von rund einer Milliarde Dollar für Investitionen in Amazonien zur Verfügung, die der Holzwirtschaft, der Agroindustrie und dem Bergbau zugänglich sein sollten. Zudem stellt die brasilianische Regierung zur Überwindung der wirtschaftlichen Benachteiligung der strukturschwachen Amazonasregion umfangreiche Mittel aus einem Sonderfonds (FNO) zur Verfügung, bei deren Vergabe ökologische Kriterien nicht berücksichtigt werden. Ein Teil der Begünstigungen aus dem Förderprogramm für die Freihandelszone Manaus (SUFRAMA) kommt der Holzwirtschaft zu, und zwar nicht nur im Raum um Manaus, sondern auch in anderen Amazonasbundesländern. Das Strategiesekretariat der brasilianischen Regierung schließlich soll (nach Auskunft von Greenpeace do Brasil) zahlreiche Ausnahmegenehmigungen für Investitionen in Regenwaldgebieten erteilt haben.

Straßenbaumaßnahmen der Zentralregierung oder der jeweiligen Landesregierung öffnen zudem die Amazonaswälder für weitere Ausplünderungen. Dabei sind nicht Neubauten das Problem, sondern der Ausbau bisher unbefestigter Pisten zu ganzjährig befahrbaren Allwetterfernstraßen. Im Norden Amazoniens wird, zum Nutzen des Zinnbergbaus des Paranapanema-Konzerns, der Straßenbau in Richtung Venezuela vorangetrieben, in Acre sind in den letzten Jahren Fernstraßen erweitert worden, im Carajás-Gebiet soll mit Milliardenaufwand ein Exportkorridor ausgebaut werden, und Präsident Cardoso hat zudem den Ausbau der Transamazônica versprochen. Die Anbindung Amazoniens an den Pazifik und die entsprechenden Märkte ist erklärtes Ziel der Regierung, doch diese hat sich noch nicht auf die genaue Route festgelegt. Unterdessen ist Brasilien weiter an der Schiffahrtsverbindung vom Rio-de-la-Plata nach Südwestamazonien interessiert. Ein weiteres Wasserstraßenprojekt schließlich entsteht auf dem Reißbrett für die Flüsse Araguia und Tocantins in Ostamazonien. Unterstützt wird diese Erschließungspolitik durch die jüngste Subventionierung von Treibstoff in der Amazonasregion.

Die Landesregierungen Amazoniens betreiben teilweise eine noch unverhohlenere Raubbaupolitik. Das Forum der Nichtregierungsorganisationen von Rondônia hat der eigenen Landesregierung nachgewiesen, daß sie Entwaldungen aktiv vorantreibt und dabei internationale Entwicklungshilfe für eigene Interessen nutzt. Der Gouverneur des Landes Amazonas hat zahlreiche Holzkonzerne angelockt, um die Tropenholzproduktion seines Landes hochzutreiben. Andere Amazonasstaaten geben weitere Beispiele für eine rücksichtslose Kolonisationspolitik: Die Regierung von Acre drängt weiter auf den Ausbau des Straßenkorridors nach Peru; die Regierung von Tocantins durchzieht das Land der Xerente-Indianer mit einer Straße; das Land Mato Grosso hat ein Subventionsprogramm für Landnahme im Tropenwald aufgelegt; die Regierung von Roraima plant ein Wasserkraftwerk im Land der Macuxi. Auch die Regierungen des brasilianischen Südostens respektieren die Küstenregenwälder ihrer Länder nicht. Die Wirtschaftspolitiker des Landes Sao Paulo planen einen Stausee im Atlantikküstenwald und die Regierung von Paraná hat die Auflagen für die Holzwirtschaft erheblich gelockert.

Während der Schutz der brasilianischen Indianer und die rechtliche Absicherung ihres Landes 1995 noch völlig stagnierte, erlitt die Sache der Indianer 1996 einen heftigen Rückschlag. Im Januar dieses Jahres erließ die brasilianische Regierung ein Dekret, das Eindringlingen auf Indianerland das Recht einräumt, gegen noch nicht abgeschlossene Demarkierungen Widerspruch einzulegen. Innerhalb von drei Monaten gingen über eintausend Widersprüche gegen 55 Indianergebiete ein. Die Entscheidung, in welchem Fall Indianergebiete nun reduziert oder zerstückelt werden, wird im Laufe des Sommers vom Justizminister getroffen. Indianersprecher, die den Justizminister ohnehin als Parteigänger ihrer Gegner sehen, befürchten, daß einige Völker ihre Lebensgrundlage verlieren könnten. Zurückgeworfen von diesen Vorgängen ist auch die Umsetzung einiger Entwicklungsprojekte, darunter vor allem des Pilotprogramms zum Schutz der Regenwälder Brasiliens, die weit hinter ihren ursprünglichen Zielen eines weitreichenden Indianerschutzes zurückbleiben.

Die von der brasilianischen Bundesregierung formulierte Amazonaspolitik hat sich indes ein moderneres Gewand gegeben. Brasilien legte Mitte 1995 ein Konzept für eine "Integrierte Nationale Politik für die Brasilianische Amazonasregion" vor, das sich dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung verschreibt, aber eher die Philosophie einer dynamischen umweltschonenderen und durchaus exportorientierten Exploitation unter der Annahme einer kontrollierbaren Kolonisation ausdrückt. Im Kontrast dazu bleiben die meisten politischen Ansätze zum Schutz Amazoniens nach wie vor praktisch ergebnislos.

Eine Reihe von Projekten, die mit Unterstützung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit finanziert werden, stagnieren, stehen in Gefahr kontraproduktiv zu werden. Das zur nachhaltigen Entwicklung Rondônias vorgesehene Programm Planafloro ist wegen seiner gravierenden Fehler inzwischen Gegenstand einer förmlichen Beschwerde bei der Weltbank geworden. Das fast identische Projekt Prodeagro im Nachbarland Mato Grosso erscheint nicht weniger suspekt. Das ökologisch orientierte Nationale Umweltprogramm (PNMA), 1990 noch als Modellprojekt mit vielen Hoffnungen verbunden, steht kurz vor einem armseligen Ende. Allein das Pilotprogramm zur Bewahrung der brasilianischen Tropenwälder fördert erste Maßnahmen für Sammelwirtschaft und Kleinbauern in Amazonien. Gegen die Durchführung der wohl wichtigsten Komponente - dem Schutz von über hundert Indianergebieten - bestehen aber so große Widerstände, daß bereits Teile der ursprünglichen Prioritäten aufgegeben worden sind und der Erfolg weniger gewiß ist denn je.

Die Landnutzungsplanung steht oft als neuer Königsweg zur nachhaltigen Entwicklung der Amazonasregion dar. Seit Ende der achtziger Jahre sind auf verschiedenen Ebenen Aktivitäten zur Erfassung und Planung der regionalen Nutzungspotentiale im Gange. Eine auf nationaler Ebene koordinierte "Ökologisch-Ökonomische Zonierung" soll eine Orientierung für die organisierte Okkupation und Entwicklung Amazoniens geben. Während dieses Projekt mit großer Verschwiegenheit und Wichtigtuerei vom geheimdienstnahen Strategiesekretariat betrieben wird, bleiben die angestrebten Ergebnisse, etwa eine seit langer Zeit angekündigte Makro-Zonierungskarte für Amazonien, aus. Ähnlich große Schwierigkeiten hat das milliardenteure Fernerkundungsprogramm für Amazonien, SIVAM, das bei den brasilianischen Nichtregierungsorganisationen wegen seiner geopolitischen und militärischen Dimensionen stark umstritten ist. Wegen schwerwiegender Bestechungsskandale liegt SIVAM jedoch erst einmal auf unabsehbare Zeit auf Eis.

Hoffnungen lassen sich in dieser diffusen Situation allein mit dem Engagement der zivilen Gesellschaft Brasiliens verbinden. Die Nichtregierungsorganisationen von Rondônia haben es so trotz immenser Schwierigkeiten geschafft, das Projekt Planafloro einem Inspektionsverfahren bei der Weltbank zu unterwerfen. Organisationen der Sozial- und Umweltbewegungen in der Carajás-Region haben einen Prozeß organisiert, durch den sie ihre Interessen gegenüber den Verantwortlichen besser vertreten wollen. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, die seit Jahren Kampagnen zu multilateralen Projekten führen, haben ein Netzwerk aufgebaut, das ihre Handlungsfähigkeit, auch im internationalen Kontext, erheblich zu steigern verspricht. Schnelle und umfassende Erfolge können aber angesichts der aktuellen Kräfteverhältnisse von den Nichtregierungsorganisationen nicht erwartet werden.

[K1] Weiterführende Literatur:

  • Fearnside, Philip M.: Quem desmata a Amazônia - os pobres ou os ricos? in: Ciência hoje, Bd. 19, Nr. 113, September 1995: 26-33
  • Hagemann, Helmut: Not Out Of The Woods Yet. The Scope of the G-7 Initiative for a Pilot Program for the Conservation of the Brazilian Rainforests, Saarbrücken 1994
  • Hagemann, Helmut: Banken, Brandstifter und Tropenwälder. Die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit bei der Zerstörung der brasilianischen Tropenwälder, Gießen 1995


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