ROBIN WOOD-Magazin 4/96 S.18 (Heft 51)Mehr Natur in unsere Wälder!
Auf dem Weg zu einer ökologischen Waldnutzung
Rudolf Fenner, Hamburg
"Prozeßschutz - ein Konzept für naturschutzgerechte Waldwirtschaft". Wer nicht auf Anhieb mit dem ersten Wort dieses Aufsatztitels in der "Zeitschrift für Ökologie und Naturschutz" etwas anfangen konnte, mag einfach weitergeblättert haben, möglicherweise mit dem Gefühl, daß halt gelegentlich auch mal dröge juristische Abhandlungen in Ökologie-Zeitschriften erscheinen müssen. Tatsächlich aber war dieser 1993 von dem Forstökologen Knut Sturm veröffentlichte Aufsatz der Beginn eines Mordswirbel in der gesamten deutschen Forstwirtschaft. Die Wellen schlagen noch immer hoch und werden es wohl noch einige Zeit weiter tun.
Worum geht's? Grundsätzlich um die praktische Umsetzung der Ergebnisse von Rio. Konkretestes Resultat dieser UN-Konferenz war die "Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt", die auch die Bundesrepublik Deutschland unterschrieben und ratifiziert hat. Damit hat sie sich verpflichtet, für mehr Naturschutz und für die naturschonensten Verfahren der Landnutzung zu sorgen. Zweifelsohne gilt das auch für den Bereich der Forstwirtschaft, sollte man jedenfalls meinen. Immerhin wird ein Drittel unserer Landesfläche forstlich genutzt und die Rote Liste der durch die Forstwirtschaft bedrohten Tier- und Pflanzenarten ist nicht gerade kurz.
Aber bereits hier scheiden sich die Geister. Unter konservativen Forstleuten weit verbreitet ist die Einstellung, daß die deutsche Forstwirtschaft bereits das Bestmögliche für den Naturschutz getan hat, als sie vor etwa 200 Jahren damit begann hatte, den endgültigen Niedergang der völlig übernutzten Wälder zu stoppen und das nachhaltige Wirtschaften im Wald einzuführen. Diese Leistung in allen Ehren. Aber 200 Jahre sind eine ganz schön lange Zeit. Da sind die Lorbeeren schon ganz schön durchgesessen, auf denen sich da ausgeruht wird. Und der Schutz der Natur war nun wirklich nicht der Antrieb dieser Gründerväter unserer heutigen Forstwirtschaft.
Dauerhafte Erwerbswälder waren ihr vorrangiges Ziel. Als Resultat haben wir zwar heute Wälder, in denen die Bäume wieder - fast - auswachsen dürfen, aber auch eine völlig auf den Kopf gestellte, unnatürliche Baumartenzusammensetzung und eine starke Simplifizierung der Natürlichkeit unserer Waldlandschaft: Nadelbäume dominieren unsere Wälder, die von Natur aus durch Laubbäume geprägt wären. Und vielerorts wachsen in Altersklassen aufgeteilte Waldflächen ihrer kollektiven Erntereife entgegen. Ein eher landwirtschaftlich geprägtes Denken beherrscht die Forstwirtschaft, die sich bislang auch ohne großen Widerspruch meist von Agrarministern mitbetreuen läßt. Ignoriert wird der im Grunde fundamentale Unterschied zwischen der Wald- und der Landwirtschaft: Die eine nutzt die auch ohne das Zutun des Menschen vorhandene Waldlandschaft, während die andere aus eben dieser Landschaft die natürliche Vegetation kontinuierlich fernhalten muß, um Nahrungsmittel produzieren zu können.
Aber neben den überall in unserer Landschaft sichtbaren Auswüchsen dieser Entwicklung - den Monokulturen, den plantagenartigen Waldarealen, den Kahlschlagflächen, den Waldbeständen mit untypischen, oft gar aus anderen Kontinenten stammenden Baumarten u.s.w. - es gibt aber schon lange eine Gegenbewegung, die zunehmend die katastrophalen Spitzen dieser Forstwirtschaft kappt.
Wiebke und ihre Schwester
Die Notwendigkeit einer Entwicklung hin zu abwechslungsreicheren Laubmischwäldern mit weniger starken Eingriffen in den Naturhaushalt wurde innerhalb der Forstwirtschaft zunehmend akzeptiert und umgesetzt. Und diese Einsicht ist enorm beflügelt worden, als Wiebke und ihre Orkanschwestern 1990 unmißverständlich demonstrierten, daß gerade gleichförmige Nadelwaldbestände auch aus rein wirtschaftlicher Perspektive ein all zu hohes Risiko darstellen.
Seit diesem Zeitpunkt fanden auch die Vorstellungen der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäßer Waldwirtschaft (ANW) immer häufiger Gehör. Die ANW propagiert und demonstriert mit ihren Mitgliedsbetrieben seit über 40 Jahren eine sehr umweltschonende Forstwirtschaftspraxis, wurde allerdings lange als Außenseiter milde ignoriert. Heute nun tauchen einzelne ihrer Vorstellungen sogar in Richtlinien von Landesforstverwaltungen auf.
Die Entwicklung bei der Waldbewirtschaftung scheint also bereits in die richtige Richtung zu laufen. Und die Umweltverbände könnten sich darauf beschränken, diesen Prozeß aufmerksam zu beobachten und - wo nötig - Kursabweichungen zu verhindern. Könnten sie - wenn nicht doch noch etwas Entscheidendes dabei fehlen würde: Vom Schutz der Natur auf den bewirtschafteten Waldflächen ist nirgendwo die Rede - oder genauer - ist nirgendwo etwas zu finden. Denn die Rede ist oft genug davon. Nur beruht sie meist auf dem Mißverständnis, daß allein eine schonend mit dem Wald umgehende Forstpraxis auch die Natur dieses Waldstandortes weitestgehend schützt.
Dagegen ist zweierlei einzuwenden. Zum einen müßte dazu in den meisten Wäldern Deutschlands die Natur, die geschützt werden soll, erst einmal wieder hergestellt werden. Denn überspitzt ausgedrückt: In den Hochgebirgs-Lärchenwäldern Schleswig-Holsteins, in den nordamerikanischen Westküsten-Douglasienwäldern des Schwarzwaldes oder in den Bergfichtenwäldern der Lüneburger Heide kann mit noch so umsichtiger Forstwirtschaft keine wirkliche Natur geschützt werden. Es muß also die Rückkehr zu einer für die Region und den spezifischen Standort typischen Baumartenverteilung gefördert werden. Ein weiteres Heranziehen von Bäumen, die nicht an dem Standort heimisch sind, verträgt sich nicht mit den Zielen des Naturschutzes.
Zum anderen können zwar viele Tier- und Pflanzenarten, die selten sind, weil sie auf seltene bzw. selten ungestört erhaltene Lebensräume wie Hochmoore, Uferbereiche oder Schluchten angewiesen sind, durch Schutz dieser besonderen Standorte vor dem Aussterben bewahrt werden. Aber die Natur besteht ja nicht allein aus Sonderstandorten, sondern - und zwar hauptsächlich - aus ganz "normalen", für die jeweilige Region typischen Lebensräumen. Und unsere Wälder gehören fast ausschließlich in diese "normale" Landschaft.
Tatsächlich rührt die Länge der Roten Liste waldbewohnender Arten auch nicht so sehr daher, daß wir noch immer zu wenig Schutzgebiete haben. Vielmehr liegt der Grund darin, daß die Forstwirtschaft nur einen kleinen Sektor aus dem gesamten Entwicklungszyklus eines Waldes zuläßt, nämlich: das Heranwachsen der wirtschaftlich interessanten Baumarten bis zum Erntezeitpunkt im meist noch jugendlichen Baumalter zwischen 80 und 150 Jahren. Die viele Jahrzehnte dauernde Phase mit vitalen, ausgewachsenen Bäumen; außerdem die sich ebenfalls lange hinziehende Alterungsphase, die in die Absterbe- und Zerfallsphase übergeht; dazu die durch Windbruch oder Insektenbefall geschaffenen Lichtungen; die beginnende Walderneuerungsphase, die über verschieden Strauch- und Baumarten erst nach und nach zu den dann wieder langfristig den Wald prägenden Baumarten übergeht. All diese Stadien einer natürlichen Waldentwicklungsprozesses gibt es in den heutigen "ordnungsgemäß" bewirtschafteten Wäldern so gut wie nicht mehr. Und entsprechend sind auch all die speziell an diese Stadien der Waldentwicklung angepaßten Tier- und Pflanzenarten eher auf den Seiten der Roten Listen zu finden als im Wald selbst.
Um das Überleben dieser Arten sicherzustellen, muß der gesamte Entwicklungsprozeß eines Waldtyps in ausreichendem Umfang geschützt werden. Und dieser Prozeßschutz - nun klärt sich mehr und mehr die Bedeutung des eingangs genannten Begriffes - der läßt sich kaum mit dem klassischen, aber statischen Modell des Schutzgebiets erfüllen. Denn wenn beispielsweise die alten und zerfallenden Bäume eines geschützten Altwaldes mehr und mehr von jungen Bäumen überwachsen werden, müssen in erreichbarer Entfernung die nächsten Waldareale zu altern beginnen, damit all die vom toten Holz abhängigen Insekten und Pilze überleben können. Dreihundert Jahre warten, bis der junge Wald wieder alt wird, können sie nicht. Gleiches gilt natürlich für sämtliche Entwicklungsschritte. Sie alle müßten zu jeder Zeit irgendwo innerhalb einer überschaubaren Waldlandschaft präsent sein.
Vieles von diesem aufwendig klingenden Ziel ließe sich vergleichsweise einfach erreichen und zwar ganz ohne abgegrenzte Schutzgebiete. Es müßten nur überall auf den genutzten Waldflächen immer auch einzelne Bäume und Baumgruppen stehen gelassen werden, die altern und absterben dürfen. Und dort, wo im Wald durch Wind oder Borkenkäfer Lichtungen entstanden sind, sollte es der Natur überlassen bleiben, wie sie diese Lücken nach und nach wieder schließt. Wieviele Bäume oder wieviel Windwurfflächen allerdings sinnvoll ihrem natürlichen Schicksal zu überlassen sind, das mag keiner so genau benennen.
Ein Zehntel der Waldfläche, bzw. ein Zehntel der erntereifen Bäume sind häufig genannte und weithin akzeptierte Größenordnungen. Genau weiß es aber keiner. Und diese Unkenntnis weist auf ein generelles Problem hin. Wir wissen nämlich kaum etwas über das, was natürlich wäre in unserem Wald. Über tausend Jahre intensive Veränderungen durch den Menschen haben nirgendwo mehr eine Ursprünglichkeit übriggelassen, an der eine verläßliche Orientierung möglich wäre. Und selbst, wenn wir den Zustand von vor zweitausend Jahren genau rekonstruieren könnten, Böden und Landschaftsstruktur haben so starke Veränderungen durchmachen müssen - die "modernen" Urwälder sähen mit Sicherheit anders aus. Dieses Problem führt zu der Forderung nach Vergleichswäldern. Aber darüber soll in einem der nächsten Magazine berichtet werden.
Greenpeace hatte als erste Umweltorganisation diese Konzeptvorschläge für eine naturschutzgerechte Waldwirtschaft aufgegriffen. Andere Umweltverbände folgten und seit dem 8. August dieses Jahres gibt es ein gemeinsames Positionspapier zur ökologischen Waldnutzung von BUND, Greenpeace, ROBIN WOOD und dem WWF. Naturland e.V., ein gemeinnütziger Verband für naturgemäßen Landbau und der drittgrößte Zertifizierer ökologisch hergestellter Nahrungsmittel in Deutschland wird auf der Grundlage dieses Positionspapier interessierte Waldbetriebe zertifizieren (siehe Interview auf den folgenden Seiten). Im nebenstehenden Kasten sind die wesentlichen Kriterien für eine ökologische Waldnutzung kurz aufgeführt. Das vollständige Positionspapier der Umweltverbände kann in der ROBIN WOOD-Pressestelle, Nernstweg 32-34, D-22765 Hamburg, angefordert werden.
Nachklapp
"Töricht" nannte es Prof. Ernst-Ullrich von Weizsäcker vom Wuppertal-Institut, daß in der großen Koalition der Umweltverbände in der Frage der ökologischen Waldnutzung einer der großen Naturschutzverbände - nämlich der Naturschutzbund (NABU) - nicht mit dabei ist und sein eigenes Gütesiegel für Holz propagiert. Es mag töricht sein, daß es nun zwei von Umwelt- und Naturschutzorganisationen unterstützte Zertifikate gibt, vor allem ist es verwirrend für die VerbraucherIn. Leider aber hatte sich der NABU vorschnell auf einen Alleingang festgelegt und sich darüber hinaus an eine kommerzielle Zertifizierungsfirma vertraglich gebunden. Diese rein verbandstaktische Entscheidung dürfte der Hauptgrund dafür gewesen sein, daß trotz späterer intensiver Verhandlungen und vieler Kompromißangebote der NABU den Schritt zurück in die Allianz der Umweltverbände nicht mehr geschafft hat. Inhaltlich ist es jedenfalls schwer vorstellbar, daß in dem doch sehr weiten Spektrum zwischen WWF und ROBIN WOOD der NABU keinen Platz hätte finden können.
Aber auch solche zwischenverbandlichen Entwicklungen genießen Prozeßschutz. Und da die Diskussionen noch eine enorme Dynamik aufweisen, können wir sehr gespannt sein, wie sich die Situation in ein, zwei Jahren weiter entwickelt haben wird. Eins steht aber jetzt schon fest. Schon lange nicht mehr wurde so viel, so ernsthaft und auf so unterschiedlichen Ebenen über eine Ökologisierung im Forst gestritten. Das kann unterm Strich nur Positives bringen für die Natur in unseren Wäldern.
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