|
titel: Heft 4/99, S. 8 "Mit dem Fluß für die Wälder"Über Neckar und Rhein war ROBIN WOOD von Stuttgart nach Duisburg sechs Wochen für die ökologische Waldwirtschaft auf Tour. Philipp Horstmann, Berlin Was hat ein Floß mit dem Kanzleramt zu tun? Am Anfang war die Bannmeile. Die Energiebosse waren ins Kanzleramt geladen; um die Unverzichtbarkeit der Atomkraft bzw. horrende Schadensersatzforderungen am exklusiven Ort unter Ausschluß von Öffentlichkeit und UmweltschützerInnen unterbreiten zu können. Dieses Ereignis durfte nicht unkommentiert bleiben und so entstand die Idee, ein schwimmendes Gefährt zu konstruieren und damit unmittelbar vor dem Kanzleramt und doch außerhalb der Bannmeile akustisch das zu simulieren, was jeden Tag eintreten kann: den Gau. Hierzu reichten im Januar allerdings weder Zeit noch Kraft und so entschlossen wir uns für den Transparentklassiker auf dem Dach des neuen Museums an der Grenze zur Bannmeile. Die Idee, eine Floßtour zu veranstalten aber nahm ihren Lauf. Zur Delegiertenversammlung im Februar konnten bereits verschiedene Konstruktions- und Routenvarianten vorgestellt werden. Bald war man sich darüber einig, mit einem traditionellen Stammholzfloß Rhein und Neckar zu befahren. Daß der Baustoff zertifiziertes Naturlandholz sein mußte lag auf der Hand. "Für die Wälder Mit dem Fluß" wurde zum Motto der Fahrt gekürt. Was bot sich besser an, die leider weniger populären Themen Waldzertifizierung und Waldsterben zurück in die Medien zu bringen. Wie nur wird ein Floß gebaut? Im Prinzip bindet man die gewünschte Anzahl der Stämme zusammen und läßt sie per Wasserkraft stromabwärts treiben. Der Teufel steckt freilich im Detail (und in behördlichen Sonderauflagen). Daher suchten wir nach erfahrener Hilfe. Der Flößerverein im uckermärkischen Lychen blockte harsch ab. Sie wollten einen Exklusivanspruch auf ihr Tourismuskonzept behalten. An der Saale gab es einen scheinbar aufgeschlosseneren Traditionsverein, der uns zum Bau einlud. Dort bekamen wir auch die ersten Flöße zu Gesicht, eine Zusammenarbeit mit jener greiß- zotigen, rechtslagigen Altherrenriege blieb aber nur schwerlich vorstellbar. Nach weiteren vergeblichen Kontaktversuchen, nahmen wir uns der Sache eben selber an. Was aber ist ein Floß? Diese Frage galt es vorerst noch von höchtbehördlichen Instanzen zu klären. Hier eine Auswahl der Antworten: Ein fahrbar gemachter Schwimmkörper, ein Sondertransport, ein Sportboot, ein Aufzug unter freiem Himmel. Solche seltenen Erscheinungen müssen denn freilich vermittels diverser Auflagen behindert und sollte dies nicht fruchten, mächtig erschwert werden. So galt es einen Dieselaußenborder, eine Aluminiumleiter, Fender, Ankerbälle, Bauklampen und manch anderen Unsinn zu beschaffen. Staunen vor dem Holzberg Endlich hatten wir alles Material in einem vollgestopften überlangen Lieferwagen verstaut: Flugblätter, Infomaterialien, Plastiktonnen, Holz, Drahtseil, Videobeamer, Kleinhanssche Spezialräder, eine Solaranlage und zu guter Letzt noch die persönliche Ausstattung. Nur das Holz aus dem Naturland-Wald in Boppard war von einer Fremdfirma zu dem Wassersportzentrum am Stuttgarter Max-Eyth-See geliefert worden. Weit entfernt vom Wasser, auf dem es zusammengebaut werden sollte, lag es schier unbeweglich auf dem Parkplatz der DRLG. Schon die Versuche, probeweise einen der 12 Meterstämme ein paar Zentimeter zu bewegen, erstickten im Ansatz. Uns retteteten Robert und seine Motorkettensäge, mit der wir die Stämme zur Handhabung zerteilen konnten und Klaus vom Wassersportzentrum, der uns nach anfänglicher Skepsis mit einem Trecker unter die Arme griff. Nach vier Tagen konnten wir für die Presse ablegen, am fünften Tag aber erschien behördlichen Besuch.
"Da haben Sie sich viel Mühe gegeben, leider umsonst." Wir hatten doch tatsächlich den Auftrieb eigenmächtig erhöht, indem wir in größter Handwerkskunst drei Reihen von Schwimmkörpern unter das Floß gelegt hatten. Das war freilich vor Monaten in der Antragsschrift nicht ausgeführt worden und so mußten wir uns, von den übers Gelände schleichenden Schiffsuntersuchern, sagen lassen, daß unsere Mühe leider vergeblich, der fahrbar gemachte Schwimmkörper nicht binnenschifffahrtsstraßentauglich sei. Wir taten gut dran, derlei Antworten nicht wahrzunehmen, luden zur Floßbesichtigung ein, weckten Jugenderinnerungen, schwärmten vom schönen Neckar und den kommenden Stationen und erwirkten eine Mängelaufstellung, nach deren Behebung die Fahrt beginnen dürfe. Von einer ununterbrochen gütig strahlenden Sonne begleitet, verbrachten wir die nächsten zwei Tage mit dem Bau der (ungenutzten) Bordtoilette und diversen weiteren Zusatzauflagen. "Und so taufen wir Dich auf den Namen Robina Wald" Zur offiziellen Presseabfahrt waren regionale und überregionale Zeitungen und Sender bereits erschienen. Die wahre Abfahrt konnte nach abermaliger gutachterlicher Prüfung am siebten Tag ohne Inszenierungen erfolgen. Während unzählige Wassersportler, die uns erst mißtrauisch beäugelt, dann skeptisch begutachtet und schließlich tatkräftig unterstützt hatten, das Ufer säumten, tauften wir unser Floß auf den Namen Robina Wald. Um das Floß kreiste das DLRG-Boot mit unseren "persönlichen Polizisten", die uns auch in der Schleuse noch letzte, aus Beängstigung geborene, Tips zuwarfen. Dann senkte sich das Wasser der Schleusenkammer, der Neckar war frei. Die Sonne ist auf unserer Seite Marbach, Heilbronn, Bad Wimpfen, Eberbach und Heidelberg waren Stationen unserer Neckaretappe, die wir bei zuverlässig sonnigem Wetter anfahren konnten. Häufig waren die Brücken von Neugierigen gesäumt, denen wir via Megaphon eine Kurzfassung unserer Botschaft zuriefen. Mehr war aus der Presse zu erfahren, die in der Regel ausführlich berichtete. In Heidelberg fanden wir ein sehr interessiertes Publikum, freundliche Aufnahme durch die Fachschaft und endlich die Gelegenheit, Wäsche und Ausrüstungsgegenstände wieder in Ordnung zu bringen, vor. Während ein Teil der Crew den spätsommerlichen Odenwald durchkämmte, wurden andere nicht müde, die Vorzüge des Naturlandholzes zu preisen und MedienvertreterInnen, Kinder, Einheimische und TouristInnen über das Floß zu führen. Entspannung und Zerstreuung verschafften uns die Floßfeten, während derer verlockende Kontakte entstanden, die Hoffnung nährend, daß es bald auch in Heidelberg eine Regionalgruppe geben wird. Am letzten Tag unter der alten Brücke empfingen wir noch den grünen Umweltbürgermeister der Stadt. Obwohl er unserem Anliegen aufgeschlossen war, sperrte er sich doch gegen Referenzflächen und die langsame Reduzierung des standortfremden Baumbestands im städtischen Wald. An der letzten Station des Neckars, Feudenheim erhielten war die Resonanz geringer. Unser Publikum bestand vornehmlich aus Kadavern, Polizisten, Ratten und einem verirrten Radfahrer. Knappe zwei Tage mußten wir an dem wohl häßlichsten Ort unserer Reise liegen, da erneut die Anweisung ausgegeben worden war, die Robina Wald nicht durch die letzte Schleuse zum Rhein zu lassen. Dank der erworbenen Zuversicht und der Beharrlichkeit gelang es uns, erneut einen diesmal privaten Sondergutachter herbeizubemühen, der unserem Gefährt die besten Noten erteilte. So öffneten sich die letzten Tore zum Rhein.
Mannheim und seine industriellen Komplexe verführten uns zu keinem Aufenthalt. Ab nun geleitete uns auch auf dem Wasser eine recht beunruhigte Polizei. Vor Biblis erhöhte sich das Aufgebot. Die nervösen Staatsskipper orderten ein zweites Boot, kaperten unser Schlauchboot und ließen es sich nicht nehmen, dem gefährlichen high- tech-Floß auch aus dem Helikopter ihre Aufmerksamkeit zu zollen. Angesichts einer so großen Erwartungshaltung fühlten wir uns natürlich herausgefordert, eine spontane Aktion zu initiieren. "Jeder Tag ein Risiko, Atomanlagen abschalten", stand auf dem 20 Quadratmeter großen Transparent, mit dem wir gelassen vor dem Reaktor auf und abfuhren. Die nächsten größeren Stationen waren Mainz und Wiesbaden. Dort waren wir zu Gast im Rathaus und konnten bei der nächsten Floßfete die Greenpeacegruppe bei uns willkommen heißen. Vor dem Wiesbadener Umweltministerium erkletterten AktivistInnen von uns zwei Fahnenstangen, um den dauerhaften Schutz des vom Einschlag bedrohten Kellerwalds zu fordern. "Wir fürchten am Ende verschlingen die Wellen den flößenden Kahn / das hätten beängstigte Wapos mit ihren Maschinen getan" frei nach Heine "Loreley" Original: "Ich glaube am Ende verschlingen die Wellen Schiffer und Kahn/ und das hat mit ihrem Singen die Loreley getan" Weder die grausigen Untiefen des Binger Lochs, noch der magische Blick der Loreley konnten unseren Kurs beirren. Verwirrt schien nur die Polizei, die uns abermals mit zwei Booten und diversen Landfahrzeugen patrouillierte. Einen Monat nach unserem ersten Zusammentreffen, wurden wir von der Kölner Regionalgruppe mit einer Floßparty an der Deutzer Brücke herzlich begrüßt. Aber noch konnten wir die gemeinsame Demontage nicht ins Auge fassen. Mit fünf Mitfahrerinnen ging es also weiter nach Düsseldorf, bis wir dann mit Duisburg nahezu das Ende des deutschen Rheins erreichten. Entgegen aller Befürchtungen konnte das Floß im größten Binnenhafen Europas am 30. September nahezu unbeschädigt aus dem Wasser gehoben werden und wartet darauf, im nächsten Sommer wieder eingesetzt zu werden. Nachlesen und Mitmachen! Über die Floßfahrt soll eine ca. 50-seitige Dokumentation mit Bildern, Zeugnissen und Texten entstehen, die bis Mitte November fertiggestellt werden soll. InteressentInnen können sie gegen 15 DM in Briefmarken oder Überweisung auf das Konto: ROBIN WOOD e-V., Sozialbank Hannover, Konto Nr.: 8455510, BLZ: 2512051, Stichwort Floßdokumentation, bei der ROBIN WOOD-Geschäftsstelle bestellen. Die diesjährige Floßtour stand unter sehr großem Zeitdruck. Erst im Juli wußten wir mit Sicherheit, daß die Fahrt im August stattfinden kann. Für viele Ideen und Initiativen fehlte dann leider die Vorbereitungszeit. Nach den vielen Erfolgen und großen Erlebnissen, soll es auch im nächsten Jahr wieder eine Floßtour geben. Überlegt werden die Strecken Main und Rhein, sowie Fulda und Weser. Damit die vielen neuen und alten Ideen verwirklicht werden können, soll sich noch in diesem Jahr eine Arbeitsgruppe treffen, die erste Schritte in die Wege leitet.
|
|
schwerpunkt: Heft 4/99, S. 14
Giftiger QuellDer Wald - vom Schadstoffilter zum Brunnenvergifter Anika Kraft und Rudolf Fenner, Hamburg Wald gilt als Garant für sauberes Grund- und Quellwasser. Doch wir laufen zur Zeit Gefahr, daß er seine wichtige Funktion als Filter für unser Trinkwasser bald nicht mehr erfüllen kann. Wasser gibt's genug in Deutschland. Von den durchschnittlich 800 Litern, die jährlich auf jeden Quadratmeter regnen oder schneien, verbrauchen wir gerade mal etwas mehr als 30 Liter als Trinkwasser. Das ist - obwohl selbst unsere Exkremente mit diesem Trinkwasser ins Fallrohr gespült werden - nicht viel: rund vier Prozent des Niederschlags. Was macht es da, wenn unsere Flüsse und die oberen Grundwasserschichten in landwirtschaftlichen Regionen längst so voll mit Schadstoffen sind, daß ihr Wasser nur noch unter Einsatz von Chemie und aufwendigen Filtersystemen auf ein gesundheitlich unbedenkliches Niveau gebracht werden kann. Schließlich ist Deutschland immerhin zu 30 Prozent mit Wald bedeckt. Und Wald gilt als der beste Garant für sauberes Grund- oder Quellwasser, werden doch dort kein Dünger ausgebracht, keine Gülle entsorgt, so gut wie keine Pestizide versprüht und schon gar keine Industrieabwässer eingeleitet. Dieses so unbelastete grüne Drittel Deutschlands sollte doch wohl genügen, uns für unbegrenzte Zeit mit Trinkwasser in Hülle und Fülle zu versorgen. Schadstoffe aus der Luft bringen den Wald aus dem Gleichgewicht Aber das Bild vom unbefleckten Wald ist schief - und zwar schon lange. Ist doch spätestens seit fünfzehn Jahren über deutlich, daß die aus der Luft über unserer Landschaft niedergehenden Schadstoffmengen eine Größenordnung aufweisen, die das Ökosystem Wald immer mehr aus dem Gleichgewicht bringt. Es sind heute vor allem die Stickstoffemissionen aus dem Straßenverkehr und aus der landwirtschaftlichen Tierproduktion, die als "Saurer Regen" die Instabilität der Wälder forcieren. Daß diese Schadstoffe früher oder später auch im Grundwasser wiederzufinden sein werden, wird von niemandem ernsthaft bestritten, auch nicht von denen, die uns das Trinkwasser liefern, den Wasserwerken. Doch ernst genommen wird diese Frage noch von den wenigsten der Wasserversorger, wie eine erste Umfrage von ROBIN WOOD ergab. Wald ist per se für diese immer noch die optimale Voraussetzung für ein sauberes Grundwasser. Doch dies dürfte sich schon bald als fatale Fehleinschätzung herausstellen. Wälder haben nämlich zwei Eigenschaften, die gegen diese hoffnungsvolle Annahme sprechen:
Hier finden also zwei Prozesse statt, wobei der eine die Luftschadstoffe anreichert und der andere sie dann noch mal konzentriert. Ein Beispiel: Regnen über einem Mischwald im Jahr 20 kg Stickstoff pro Hektar runter, dann wird zusammen mit den Stickstoffmengen, die die Bäume direkt aus der Luft filtern, der Gesamteintrag im Jahr etwa 40 kg Stickstoff pro Hektar Wald betragen. Und wenn vom Jahresniederschlag 400 mm ins Grundwasser versickern, dann wird die Nitratkonzentration im Sickerwasser bei 44 mg/l liegen (wer's nachrechnen will: 1 kg Stickstoff entspricht 4,43 kg Nitrat). Damit hätte das sprudelnd klare Quellwasser aus dem Wald den EU- Richtwert für Nitrat im Trinkwasser von 25 mg/l bereits weit überschritten und den Grenzwert von 50 mg/l schon fast erreicht. Dieses Rechenbeispiel arbeitet mit ganz alltäglichen Zahlen: Stickstoffeinträge von 30 bis 40 kg pro Jahr und Hektar werden nach Angaben des Umweltbundesamtes bereits an vielen Waldstandorten erreicht, einzelne Werte - an exponierten Waldrändern beispielsweise - gehen sogar hoch bis auf 200 kg. Auf 90 Prozent aller Wälder in Deutschland - auch das sind Angaben des Umweltbundesamtes - geht mehr Stickstoff nieder, als diese auf Dauer ertragen können. Erstaunlicherweise tauchen diese hohen Nitratwerte trotzdem noch nicht flächendeckend in den Brunnen und Quellen unserer mitteleuropäischen Waldregionen auf. Doch dafür gibt es eine simple Erklärung: Über viele Jahrhunderte hinweg fand nämlich eine gravierende Umschichtung des Pflanzennährstoffs Stickstoff statt - eine Umschichtung aus dem Waldboden auf die Felder und Gärten rund um die Dörfer und Städte. Die Wälder wanderten als Brennholz in die Kamine und Küchenherde, als Winterstreu in die Ställe und als Futter in die Viehmägen. Am Ende waren die schon von Natur aus nicht gerade stickstoffreichen Waldböden fast vollends ausgepowert. Seit dem letzten Jahrhundert nun, seit die Kohle und später auch andere fossile Brennstoffe das Holz ersetzten und seit die Erfindung des Kunstdüngers die Landwirtschaft so produktiv machte, daß nunmehr das Viehfutter auf den Feldern wuchs und Getreidestroh die Waldstreu in den Ställen ersetzte, da wurde dieser Stickstoffexport aus den Wäldern mehr und mehr beendet. Seither erholen sich die Waldböden. Doch diese Rekreation ist ein langsamer Prozeß, der noch immer im Gange ist. Und daher kann das Ökosystem Wald in den meisten Fällen noch immer die auf ihn niedergehenden Stickstoffmengen aufnehmen und in seine Stoffwechselkreisläufe und -speicher einbauen. Die Speicher sind voll Doch auf Grund der anhaltend hohen Stickstoffemissionen laufen die Speicher seit wenigen Jahrzehnten mit hoher Geschwindigkeit voll. Überall in der Bundesrepublik mehren sich bereits die Meldungen, daß der Nitratgehalt auch in sogenannten waldbürtigen Wasserressourcen ansteigt. Selbst in den waldreichen Gebieten Bayerns fernab von jeglichen Stickstoffemittenten nimmt das Nitrat im Sickerwasser zu - untrügliches Zeichen dafür, daß der Boden gesättigt ist und die Stickstoffspeicher an immer mehr Standorten überlaufen. Damit ist der Zeitpunkt fast schon absehbar, an dem die im obigen Beispiel errechneten hohen Nitratwerte auch tatsächlich flächendeckend im Sickerwasser der Wälder zu finden sein werden. Und selbst wenn damit die Nitrat-Grenzwerte noch nicht überschritten werden sollten - vorbei ist es dann auf alle Fälle mit der vielfach geübten Praxis, das aus dem landwirtschaftlichen Gebieten geförderte und meist mit Nitrat übervolle Rohwasser mit Waldwasser auf unbedenkliche Nitratwerte zu strecken. Aber auf die Wasserwerke kommt mit den stickstoffsatten Wäldern noch ein sehr viel größeres Risiko zu: Die Mengen an Stickstoff, die im Ökosystem Wald gespeichert werden, sind ungewöhnlich hoch: Etwa 10 000 kg können in einen Hektar Laubwald festgelegt sein, etwa 8 000 kg sind es im Nadelwald. Dabei sind weniger als zehn Prozent davon in der Biomasse der Bäume gebunden. All der restliche Stickstoff findet sich im Humus und in den unvollständig zersetzten organischen Resten im Boden. Dort bleibt er auch, solange sich nicht groß etwas ändert. Aber wenn durch Sturm, Schädlingsbefall oder Motorsäge eine Waldfläche baumfrei gemacht wurde, dann wird durch die bis auf den Waldboden dringende Sonnenwärme die Zersetzung im Boden stark angekurbelt. Gebundener Stickstoff wird zu wasserlöslichem Nitrat abgebaut, das mit dem nächsten Regen dann ungehindert versickert. Dieses Auslaufen des Stickstoffspeichers wird erst dann etwas gemindert, wenn eine neu heranwachsende Vegetation mit ihren Wurzeln zumindest einen Teil dieses Nitrats aufnehmen kann. Aber vollständig endet es erst nach einigen Jahren, nämlich dann, wenn die nachwachsenden Bäume den Boden wieder ausreichend abschatten. Auch Eingriffe in die Bodenwasserverhältnisse wie das Trockenlegen feuchter Standorte führt zu einem starken Abbau der Stickstoffspeicher und damit zu einer Nitratfreisetzung. Mit anderen Worten: Der Wald mit seinen aufgefüllten Stickstoffreservoirs stellt eine gefährlich hohe und kritische Masse dar, die wie ein rohes Ei behandelt werden muß, wenn verhindert werden soll, daß immer wieder - schubartig - große Stickstoffmengen aus dem Wald heraussickern und die Brunnen vergiften. Konkret heißt das, daß im stickstoffgesättigten Wald ohne stärkere Eingriffe - und mit noch mehr Geduld als Förster eh schon aufbringen - gewirtschaftet werden muß.
All diese Punkte sind wesentliche Bestandteile einer ökologischen Waldnutzung, wie sie von den Naturschutzverbänden seit mehreren Jahren dringend gefordert wird, vor allem, um die natürliche Vielfalt in unserer Landschaft zu erhalten und zurückzugewinnen. Aber ganz offensichtlich würde eine solche ökologische Waldnutzung auch den kommunalen Wasserversorgern erheblich das Leben erleichtern bei der immer schwieriger und natürlich auch teurer werdenden Versorgung der Bevölkerung mit trinkbarem Wasser.
--- |
schwerpunkt: Heft 4/99, S. 20
Produkte aus ökologischer WaldnutzungMit der Zunahme zertifizierter Wälder ist auch das Angebot an Holzprodukten aus diesen nach den Naturland Kriterien bewirtschafteten Wäldern gestiegen. Die Angebotspalette reicht von Bauholz über Fußböden bis hin zu Grillkohle und Kinderspielzeug. Trotzdem wird kaum jemand diesen Produkten beim Einkaufsbummel oder im Baumarkt begegnen. Das ROBIN WOOD-Magazin möchte Ihnen daher eine Auswahl solcher Erzeugnisse aus Naturland zertifiziertem Holz vorstellen.Parkett Ein dreilagiges Fertigparkett wird aus Buchen, Eichen oder Eschen in verschiedenen Sortierungen von fein bis rustikal industriell gefertigt. Durch die Verwendung der gleichen Holzart in allen Vollholz-Lagen entsteht ein homogenes, strapazierfähiges Produkt. Der verwendete Leim ist formaldehydfrei und umweltfreundlich. Die Parkettoberflächen sind ausschließlich mit Ölen oder/ und Wachsen behandelt, so daß die natürlichen Eigenschaften des Holzes erhalten bleiben. Der Hersteller verspricht eine seidenmatte, warme lebendige Oberfläche mit besonderer natürlicher Ausstrahlung. Produziert wird dieses Parkett in der sanforst Holzveredlung GmbH. Sie ist der erste Betrieb in den neuen Bundesländern, der zertifiziertes Holz bis zum Endprodukt verarbeitet. Die in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelte Firma will im Jahr 2000 insgesamt etwa 25.000 Festmeter Holz aus Deutschland und geringe Mengen aus Polen zu Parkett verarbeiten. Davon sind maximal 4000 Festmeter Holz vor allem aus den Wäldern in Göttingen und Lübeck, die von Naturland zertifiziert sind. Zielstellung des Unternehmens ist es, nur noch Holz zu verarbeiten, das mit dem Gütesiegel von Naturland oder dem FSC ausgezeichnet ist. Das Parkettspeziell aus den Naturland Wäldern wird vorrangig über eine Öko-Baumarktkette vertrieben. Damit sich die Transportwege verringern, soll das Holz möglichst aus der Region stammen. Dazu ist die Firma mit privaten Waldbesitzern und den staatlichen Forstbetrieben in Kontakt getreten, um sie für eine ausgerichtete ökologische Waldwirtschaft zu gewinnen und bei der Zertifizierung zu unterstützen. So will sanforst einen Teil der bei der Zertifizierung anfallenden Kosten übernehmen. Öko- Grillholzkohle Damit das Grillen zu einem Vergnügen wird, bei dem man mit ruhigem Gewissen auch an die Herkunft des Holzes denken kann, sollte man Holzkohle verwenden, die mit dem Gütesiegel von Naturland ausgezeichnet ist. Für die Herstellung der Grillholzkohle wird von Naturland zertifiziertes Holz aus dem Wald von Göttingen verarbeitet. Da das Holz nach einem umweltfreundlichen Retortenverfahren verkohlt wird, bei dem beispielsweise auch Aktivkohlen, Essigsäure und Holzteer entstehen, hat die Holzkohle eine gleichbleibend hohe Qualität ohne Verunreinigungen. Gartenmöbel, Spielzeug ... Es muß nicht Tropenholz sein! Es gibt auch Gartenmöbel aus zertifiziertem Lärchen-oder Douglasienholz, die für den Innen- aber auch für den Außenbereich sehr gut geeignet sind. Die Tische, Stühle und Bänke sind in vielen Farbtönen lasiert. Diese und andere mit dem Naturland-Gütesiegel zertifizierten Erzeugnisse, wie z. B. Schaukelbretter, Schneidebretter und Spielzeug kann man bei mehreren Versandhäusern bestellen. Die Lärchen, Douglasien und Buchen dafür kommen aus den Naturlandwaldbetrieben Uelzen und Lübeck.. Mouse Plate Happy-Mouse-Plate ist eine aus Naturland/FSC zertifizierter Rotkernbuche hergestellte Unterlage für die Computermaus. Das leidige Reinigen der Innereien der "Mäuse" kann nun abgehakt werden. Normale Kunststoff-Pads wirken durch ihre elektrostatische Aufladung wie ein Staubsauger. Durch die antistatische Eigenschaft des Holzes wird gewährleistet, daß die feinen Staub- und Schmutzpartikel die PC-Maus nicht so schnell verschmutzen. Dadurch läuft die Maus besser, bleibt länger sauber und lebt länger. Zum Reinigen wird das Holz-Mouse-Plate nur feucht abgewischt. |
energie: Heft 4/99, S. 30
Widerstand in LingenSwaantje Fock, Lotte Um sicherzustellen, daß im Atomkraftwerk Lingen noch lange Atomstrom fließt, arbeiten die Betreiber gerade auf Hochtouren an der Genehmigung des bundesweit ersten standorteigenen Zwischenlagers. Nach Möglichkeit soll noch im Winter 1999 / 2000 mit dem Bau der Halle begonnen werden. Offensichtlich soll der Bau des Zwischenlagers, den langfristigen Weiterbetrieb des AKWs sichern und als Präzedenzfall für weitere Standortzwischenlager dienen. Das Zwischenlager kommt beiden, Regierung und Betreibern entgegen, da hierdurch die Castortransporte vermieden werden. Diese stellen noch immer die "Achillesferse" der Atomindustrie dar, denn der starke Widerstand der Anti- Atombewegung hat die Sicherung der Transporte zu einer extrem teuren und aufwendigen Angelegenheit gemacht. So viele große Polizeieinsätze sind nicht durchführbar, wie für die Sicherung des Weiterbetriebs einiger AKWs notwendig wären. Mindestens vier Atomkraftwerke müssen innerhalb des nächsten Jahres Atommüll abtransportieren, um den Weiterbetrieb zu sichern. Die Verstopfungsstrategie der AtomkraftgegnerInnen die AKWs vom Netz zu blockieren, scheint somit fast sicherer zu sein als die Castorbehälter. Beim letzten realitätsnahen Falltest eines Castorbehälters aus 9 Metern Höhe vor 10 Jahren ist der Behälter geborsten. Die meisten Castorbehälter sind nur über Computersimulation getestet worden, so auch das für Lingen beantragte Castormodell. Trotz des angenehmen Beigeschmacks, daß ein standorteigenes Zwischenlager gefährliche Castortransporte zunächst reduziert, scheint die rot-grüne Bundesregierung darüber hinwegzusehen, daß die Größe der beantragten Castorhalle den sogenannten "Ausstieg" aus der Atomkraft endgültig zur Absurdität werden läßt. Die beantragten 130 Castorstellplätze für den größtmöglichen Behältertyp könnten Brennelemente aus 50 Jahren Reaktorbetrieb aufnehmen. Diese Kapazität kann das AKW Lingen nie ausnutzen. Jedenfalls solange das Zwischenlager nur eigenen Müll aufnehmen soll (wegen der Transportvermeidung!). Da die Halle dem Weiterbetrieb des AKWs dienen soll, ist Widerstand gefordert. Kartoffelscheune für den Atommüll in Lingen Die Sicherheitsvorkehrungen der Halle entsprechen ebenso wie in den Zwischenlagern Gorleben, Ahaus und Greifswald nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik. Bei dem Behälterlagerkonzept bilden die Lagerbehälter die einzige Sicherheitsbarriere, das heißt es existiert keine Doppelbarriere wie sonst in der Kerntechnik üblich. Zudem findet im Rahmen des atomrechtlichen Genehmigungsverfahrens keine Umweltverträglichkeitsprüfung statt. Kein Wunder, daß die Behörden die der BürgerInnenbeteiligung im Genehmigungsverfahren auf das gesetzlich notwendige Mindestmaß reduziert hat. Die Ankündigung der Auslegungsfrist erfolgte zum spätesten zulässigen Zeitpunkt und begann genau zum Sommerloch. Durch strikte Einhaltung der Ämteröffnungszeiten wurde der arbeitenden Bevölkerung die Akteneinsicht zusätzlich erschwert. Der Widerstand wächst Dennoch wächst der Widerstand. Vielfältige Aktionen machten es den konservativen Medien vor Ort schwer, dies zu vertuschen. Zu Beginn der öffentlichen Auslegung wurde eine Masseneinwendung gegen die atomrechtliche Genehmigung der Halle eingeleitet. Als Auftakt wurde ein Misthaufen vor dem Lingener Rathaus, dem Ort der Auslegung, abgeladen: "Ihr baut Mist!". Der "Falltest" eines Castormodells aus 9 Meter Höhe auf dem Lingener Marktplatz wies auf die Sicherheitsmängel der Castoren hin. Am selben Ort trafen sich auch die Anti-Atomradtouren "atom-pfad 99" und "AusstiegXtour". Weitere Veranstaltungen, wie z.B. mit dem (Un- )Sicherheitsexperten Wolfgang Neumann und ein Aktionstag am 25.9.99 mit Öffentlichkeitsaktionen, Camp und Mahnwache bildeten Höhepunkte der Kampagne gegen die Castorhalle. Atomlobby und Regierung scheint bei ihrer Konsenssuche jetzt erst wieder bewußt zu werden, daß es noch eine dritte Kraft in der atomaren Auseinandersetzung gibt: die Anti-Atom- Bewegung. Und die denkt nicht daran, einen Konsens über 25, 35 und erst recht nicht über 50 Jahre Restlaufzeit mit zu tragen
--- Kontakt: Swaantje Fock, Wersener Holz 3, 49504 Lotte, Tel: 05404/72559, E-mail: sfock@uos.de |
© ROBIN WOOD