Bezug zur Pressemitteilung: "Der Wald sieht schwarz, Herr Borchert!", vom 9.12.97
Bezug zur Hintergrundinformation: In den Waldböden tickt eine Zeitbombe, vom 9.12.97

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HINTERGRUND, Hamburg/Bonn, 9. Dezember 1997

Hintergrund zur heutigen Aktion "Der Wald sieht schwarz, Herr Borchert!"

Wie das Waldsterben totgeredet werden soll

Seit 1984 gibt es die jährliche bundesweite Waldschadensstatistik, die ein flächendeckendes Bild von der Schädigung des Waldökosystems vor allem anhand der Blatt- und Nadelverluste in den Baumkronen dokumentiert. Dieses Verfahren ist mittlerweile von allen europäischen Ländern zur Erfassung ihrer nationalen Waldschäden übernommen worden.

Deutlich erkennbar in dieser fast 15 Jahren umfassenden Statistik ist der rapide Anstieg der Schäden in der ersten Hälfte der achtziger Jahre auf über 50 Prozent. Zu Beginn der neunziger Jahre folgte ein erneuter dramatischer Anstieg auf beinahe 70 Prozent (1992: 68 %). Seit einigen Jahren pendelt die Schadenshöhe um sechzig Prozent. Bei den Nadelbäumen waren die Schäden zunächst am deutlichsten zu erkennen. Die Laubbäume begannen erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre mehr und mehr Schäden zu zeigen. Heute sind ihre Baumkronen deutlich schütterer als die der Nadelbäume.

Seit Beginn der Erhebung gab es Kritik an dem Verfahren. So kritisierten ROBIN WOOD und andere Umweltverbände damals vor allem, daß in den Gebieten, wo ganze Waldflächen abgestorben waren und daher nicht mehr von der Statistik erfaßt wurden, ein viel zu 'rosiges' Bild von der Situation in den Wäldern entstand. Kritisiert und erfolgreich verhindert wurde auch der Versuch, Bäume mit Blattverlusten von 10 bis 25 Prozent (Schadstufe 1) von 'leicht geschädigt' auf 'ungeschädigt' umzudefinieren.

Kritik an diesem Erhebungsverfahren kommt aber auch von der 'anderen Seite'. Vor allem dem Bundesforschungsministerium (BMBF) sind die hohen Schadenszahlen ein Dorn im Auge, weil sie "jedes Jahr erneut Anlaß zu umfangreichen, ausnahmslos kritischen Kommentierungen in den Medien" geben (BMBF, 1986). Hauptkritikpunkt des Ministeriums ist, daß Bäume ab zehn Prozent Blattverlust als geschädigt verbucht werden. Es wird darauf verwiesen, daß einige Baumarten auch mit Verlust von 45 Prozent der Blätter noch ein normales Wachstum zeigen können und daß auch Bäume mit 70 Prozent Blattverlust sich noch wieder erholen können.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Aber bei dem Erhebungsverfahren geht es nicht darum festzustellen, bei welchem Blattverlust ein Baum noch gesund oder schon krank ist. Entscheidend ist allein die Tatsache, daß ein Baum Blätter vorzeitig verliert oder gar nicht erst ausbildet - selbst wenn es auch nur zehn Prozent sind. Die Gründe dafür können sowohl natürlich (ungewöhnliche Wetterverhältnisse, starke Fruchtbildung) als auch menschengemacht ('Saurer Regen') sein. Im Einzelfall läßt sich eine Zuordnung zu natürlichen oder zu menschengemachten Ursachen nicht herleiten. Aber der dramatische Anstieg in den Achtzigern und das heutige konstant hohe Niveau an Waldschäden lassen sich nur mit einer anhaltend starken Störung des Ökosystems durch den Menschen erklären.

Die Baumkronen sind ein Indikator für den Zustand des gesamten Ökosystems. Sie spiegeln vor allem die nicht sichtbaren und schwer meßbaren Veränderungen durch Luftschadstoffe im Waldboden wider. Dr. Rudolf Fenner, Waldreferent bei ROBIN WOOD: "Waldsterben ist Waldsterben, und nicht Baumsterben! Es ist erschreckend, daß gerade im Wissenschaftsministerium von einer ökosystemaren Betrachtungsweise unserer Umwelt noch immer nichts zu spüren ist."

Kontakt:
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