Baum des Jahres 2017: Die Fichte

09. Januar 2017
Wald
Rudolf Fenner
Magazin

Ab Anfang des 18. Jahrhunderts, als der immer größere Mangel an Holz auch so lukrative Wirtschaftszweige wie den Abbau und die Verarbeitung von Erzen oder die Gewinnung von Salz akut gefährdete, wurden erste Konzepte für eine nachhaltige Nutzung der Wälder entwickelt. Und vielerorts wurde neu geregelt, wer die Wälder für welchen Zweck nutzen durfte. Vor allem die bäuerliche Nutzung, die Waldweide und Streunutzung, wurde stark eingeschränkt oder ganz verboten. Dann konnten auch die Aufforstungen der zu Ödland verkommenen Waldflächen beginnen.

Für die Wiederbewaldung solcher offenen, ungeschützten und an Nährstoffen verarmten Flächen sind nur wenige Waldbaumarten geeignet. Das sind in erster Linie Fichten und Kiefern. Beide haben kaum besondere Nährstoff­ansprüche. Die Fichte braucht allerdings eine einigermaßen gesicherte Wasserversorgung. Mit beiden Baumarten hatte man auch schon seit dem 15. Jahrhundert einzelne devastierte Waldflächen erfolgreich neu bewaldet.

Die erste urkundlich belegte Fichtenaussaat außerhalb ihres natürlichen Vorkommens fand 1423 im Stadtwald Frankfurt statt.So kam es, dass nun mehr und mehr dort, wo ursprünglich nur Laubwälder standen, reine Waldbestände aus gleichaltrigen Fichten heranwuchsen. Zwar wollte man später, nach einer erfolgreichen Wiederbewaldung, durchaus wieder zu den vertrauteren Laubholz­wäldern übergehen. Doch die zunehmende Industrialisierung und das Wachstum der Städte ließen solche Überlegungen schnell in Vergessenheit geraten. Denn nun wurden gerade Nadel­hölzer in großem Umfang gebraucht – als universales Bau- und Konstruktionsholz, als Grubenholz, für Eisenbahnschwellen und Telegrafenmasten oder als Rohstoff für die aufstrebende Papierindustrie.

Deshalb wurden nun überall im Land weiterhin Fichten-Monokulturen angelegt, obwohl bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkennbar geworden war, dass diese „Fichten­äcker“ durchaus große Risiken bargen. Sie waren höchst anfällig für Sturmwürfe, insbesondere solche Bestände, die auf zu feuchten oder zu dichten Böden angelegt worden waren. Unter diesen Bedingungen bilden Fichten nämlich nur sehr flache, wenig Halt bietende Wurzelteller aus. Und wie in allen Monokulturen kann es auch in diesen reinen Fichtenbeständen leicht zu Massenvermehrungen von Schadorganismen kommen. Borkenkäfer können Fichtenbestände großflächig zum Absterben bringen. Parasitische, das Stammholz zersetzende Pilze wie der Hallimasch oder der Gemeine Wurzelschwamm können sich leicht über die gesamte Bestandsfläche ausbreiten.

Auch die Fichtenbestände selbst verschlechtern die Lebensbedingungen auf ihren Standorten. Ihre schwer zersetzliche Nadelstreu reichert sich auf dem Waldboden an. Dies führt innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer deutlichen Versauerung des Waldbodens und zu Nährstoffverlusten. Nachfolgende Baumgenerationen – selbst die wenig anspruchsvollen Fichten haben es auf diesen Böden später schwer.

Bereits im 19. Jahrhundert begannen Forstleute, Gegenmodelle zu dieser risikoreichen und im Kahlschlagbetrieb arbeitende Fichtenwirtschaft zu entwickeln. Der Umbau zu ungleichaltrigen und baumartenreichen Mischwäldern und der Verzicht auf Kahlschläge waren Kernpunkte dieser sehr viel naturnäheren Wirtschaftskonzepte.

Doch solche Überlegungen konnten sich angesichts der trotz allem noch immer gut „ins Geld fallenden“ Fichte nicht durchsetzen. Auch die beiden Weltkriege machten erneut große Aufforstungen notwendig, um die Zerstörungen, die großen Einschläge für den Wiederaufbau und die Reparationshiebe für die alliierten Siegermächte zu kompensieren. Aufgeforstet wurde möglichst schnell und kostengünstig – und zwar wie gehabt: großflächig und – je nach Standort – vor allem mit Fichten oder Kiefern.

Erst seit wenigen Jahrzehnten gibt es eine wachsende Bereitschaft, Alternativen zu dieser naturfernen Fichtenwirtschaft zu entwickeln. Falsche Standortwahl, Monokulturen und große Kahlschläge werden inzwischen weitgehend als fehlerhafte Praxis betrachtet. Die mit Fichten bestandene Waldfläche nimmt seit etwa dreißig Jahren langsam ab und macht wieder Platz für Buchen und andere Laubbäume.

Saurer Regen und Klimaveränderung

Die Fichte ist zum Symbolbaum für die gelungene Wiederbewaldung in Deutschland geworden. Doch dieser Erfolg war nur möglich geworden, weil ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Kohle das Holz als Energiequelle Nummer eins ablöste. Dadurch ging der Bedarf an Brennholz und Holzkohle innerhalb kurzer Zeit stark zurück. Der Druck auf den Wald ließ deutlich nach, und die meist noch jungen Fichten auf den Aufforstungsflächen konnten nun tatsächlich zu einem Wald aus hochgewachsenen Bäumen werden.

Rund hundert Jahre später holte allerdings dieser rettende Wechsel zum fossilen Energieträger den Wald wieder ein und macht ihm heute schwer zu schaffen. Wieder steht die Fichte im Mittelpunkt – diesmal als Opfer.

Anfang der 1980er-Jahre wurden Schäden in den Wäldern sichtbar, die vor allem auf die seit Jahrzehnten zunehmenden Schadstoffemissionen der Kohle-, Öl- und Gas-Kraftwerke sowie des Straßenverkehrs zurückgeführt wurden. Schwefel- und Stickoxide, aus Schornsteinen und Auspuffrohren in die Atmosphäre entsorgt, gingen oft erst in großer Entfernung als sogenannter Saurer Regen über den Wäldern nieder. Die Waldböden waren stark versauert, die Baumkronen zeigten zunehmend Blatt- und Nadelverluste. Am sichtbarsten waren die Folgen in den Höhenlagen der Mittelgebirge, auf den Kuppen des Harzes, des Erzgebirges oder des Schwarzwaldes – genau dort, wo die Fichte auch von Natur aus zu Hause ist. Dort oben, wo die Waldgrenze nahe ist, da ist das Leben der Bäume schon von Natur aus dicht am Limit.

Die zusätzlichen Belastungen durch Luftschadstoffe haben dort ganze Waldgebiete zum Absterben gebracht. Es waren vor allem Bilder absterbender Bergfichtenwälder, die die Dramatik dieser schleichenden Umweltzerstörung illustrierten. Und auch wenn heute insgesamt in unseren Wäldern Eichen und Buchen deutlich mehr Schäden zeigen als die Fichten – dort oben wurde den Fichten ein Teil ihres in Deutschland sowieso nicht sehr großen natürlichen Lebensraums zerstört.

Die weltweite Klimaveränderung – ebenfalls vor allem durch die immense Nutzung fossiler Brennstoffe in Gang gebracht – ist auch in Deutschland längst zu spüren. Sie kommt unter anderem mit häufigeren und stärkeren Stürmen, mit höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden daher. Das bedeutet zunächst einmal, dass die schon jetzt sehr großen Risiken in den Fichtenbeständen, die Sturmschäden und die Massenvermehrung von Schädlingen, vor allem des Borkenkäfers, noch deutlich zunehmen werden. Doch künftig werden die Fichten auch ganz direkt unter zu hohen Temperaturen und zu langen Trockenperioden leiden.

Die Fichte gilt als diejenige Baumart, die das schlechteste Anpassungspotenzial an die kommenden klimatischen Veränderungen unter den Waldbäumen hat. Noch stehen heute viele Bestände auf Standorten, auf denen sie gerade noch einigermaßen mit den dort herrschenden Temperatur- und Niederschlagsverhältnissen zurechtkommen.

Doch das wird sich rapide ändern. Es gibt inzwischen mehrere regionale Prognosen, wie es in den kommenden Jahrzehnten mit den Fichten weitergehen wird.

Das Resultat für Baden-Württemberg: Selbst unter der optimistischen Annahme, dass sich die Durchschnittstemperatur nicht über 2°C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit erhöht, werden im Jahr 2050 nur noch etwa fünf Prozent der Fichtenbestände auf einigermaßen geeigneten Standorten stehen. Noch dramatischer ist die Aussage dieser Prognose, dass es selbst in den Hochlagen des Schwarzwaldes, also dort, wo die Fichte auch von Natur aus zu Hause ist, nur noch suboptimale Klimaverhältnisse für sie geben wird.

Die Fichte droht, vom Brotbaum zum Notbaum der deutschen Forstwirtschaft zu werden! Und zum Klimaflüchtling, der es selbst in seinem ursprünglichen Lebensraum nicht mehr überall aushält!

Rudolf Fenner vertritt ROBIN WOOD im Kuratorium Baum des Jahres (KBJ), dem Fachbeirat der Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz-Stiftung, rudolf.fenner [at] robinwood.de